Kritik zu Kinoleben – Über das Tübinger Arsenal und andere Programmkinos
Eine Dokumentation über den Kinomacher, Verleiher und Regisseur Stefan Paul und sein Lebenswerk: das Tübinger Kino »Arsenal«.
Bei der letzten Vorstellung gab es lange Standing Ovations. Und wenn die Kamera über die Zuschauerinnen und Zuschauer im ausverkauften Tübinger Kino »Arsenal« schwenkt, müssen sich so manche eine Träne aus dem Auge reiben. Stefan Paul, der das Kino und die dazugehörige Kneipe vor ziemlich genau 50 Jahren gegründet hat, ruft den Leuten zu, es »war mein Lebenswerk«. Bei der letzten Vorstellung lief »The Last Picture Show«. »Wird nicht mehr so viel los sein hier, wenn das Kino mal zu ist«, sagt Jeff Bridges in dem Film von Peter Bogdanovich aus dem Jahr 1971.
Das »Arsenal« war in Tübingen – und nicht nur dort – eine Institution, und für Cinephile wird die Stadt nach der Schließung, ausgelöst durch Besitzerwechsel und Mieterhöhung, nicht mehr dieselbe sein. Heute gehören Programmkinos ganz selbstverständlich zum filmkulturellen Angebot großer und kleinerer Städte (auch wenn sie weniger Programm als Arthouse-Erstaufführungen spielen), und seine schönsten Momente hat der Dokumentarfilm von Goggo Gensch, wenn er die Aufbruchsstimmung der siebziger Jahre beschreibt, als die Protestbewegung der Studenten in den sechziger Jahren noch nicht so weit entfernt war. Wir waren, sagt Paul, »zuständig für den kulturellen Aspekt der Studentenbewegung«. Und: »Bevorzugt werden künstlerisch ambitionierte Filme«, heißt es lapidar in einer Archivaufnahme von 1974. Das Festival von Hof (seit 1967) war Teil dieser Aufbruchsbewegung, es wurde zum Treffpunkt deutscher Filmemacher, deren Filme von anderen Festivals abgelehnt wurden. Paul war so gut wie immer in Hof und hat bei den legendären Fußballspielen mitgemacht (und mit seiner Größe ein paar Kopfballtore erzielt).
Eine andere legendäre Gründung jener Jahre war auch das Hamburger Kino »Abaton« (1970), in dem die Hamburger Filmcoop ihre Werke zeigen konnte; das spielt immer noch. Zusammen mit dem »Abaton« verlieh Paul »Themroc« (1973), einen auch heute noch schräg und befremdlich wirkenden Film, der es auf 300 000 Besucher brachte. Das war die Zeit, als es noch »Kultfilme« und Programmkino-Blockbuster gab. Der Verleih »Arsenal« (der diese Doku herausbringt), war integraler Bestandteil der Kinoarbeit, und mehr noch als ein Ausflug in die Programmkinoszene ist dieser Film die Biografie des Kino-Mavericks Stefan Paul, der im Umfeld von Tübingen weitere Kinos eröffnete (etwa das Kino »Atelier«, 1987), Filme wie die von John Waters oder Jean-Jacques Beineix (»Diva«) entdeckte, kinomäßig nach Leipzig expandierte und selbst Filme drehte, vor allem über Musiker. Sein »Reggae Sunsplash« war Ende der Siebziger aus dem Repertoire der Programmkinos nicht wegzudenken. Dass die Doku gewissermaßen eine Werke-Biografie liefert (und keine private Abschweifung enthält), ist ihr hoch anzurechnen.
»Über das Tübinger Arsenal und andere Programmkinos« heißt der Film im Untertitel. Die anderen, neueren Programmkinos liefert der Film in seinem letzten Drittel nach. Auch wenn das dramaturgisch etwas angeklebt wirkt: Es soll zeigen, dass die Programmkino-Idee der siebziger Jahre immer noch virulent ist. Am Schluss des Films geht Stefan Paul, dem man ja meist mit Baseballcap und Rillo begegnet, noch einmal durch die leeren Räume des »Arsenal«. Auch wenn die Idee weiterlebt: traurig, sehr traurig.




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