Kritik zu King of the Devil's Island

© Alamode

Eine wahre Geschichte und gleichzeitig die eines Genres: Marius Holst erzählt von den unhaltbaren Verhältnissen und der unaufhaltsamen Revolte auf einer Gefängnisinsel des frühen 20. Jahrhunderts

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Marius Holsts Film beginnt mit Bildern von einer wilden, gepeitschten See und einem von Fischern gejagten Wal. Eine Stimme aus dem Off erzählt von einem dieser mächtigen Tiere, das mit drei Harpunen im Leib einen ganzen Tag gegen den Tod ankämpfte. Dieser Wal sei ein Fighter gewesen, davon zeugten die Narben vergangener Schlachten. Das kleine Fischerboot, das im Spätherbst des Jahres 1915 junge Männer auf die kleine norwegische Insel Bastoy bringt, transportiert auch einen Kämpfer. Erling (Benjamin Helstad) ist einer, der nie aufgibt, sondern sich auflehnt; seine Freiheit ist ihm teuer. Deshalb haben sie ihn in Ketten gelegt.

Erling ist für Bastoy bestimmt, weil ihm in der Besserungsanstalt auf der Insel ein angemessenes Sozialverhalten vermittelt werden soll. Dafür steht Direktor Hakon Bestyreren (Stellan Skarsgard): ein unbeugsamer Herrscher, ein Tyrann – mit einem Rest von Gewissen. Er residiert in einem düstererhabenen Bau, der für die dogmatische Kraft seiner Überzeugungen steht und für die absolute Macht der Angestellten über die Insassen zwischen 8 und 21. Diesem Phänomen wollte der Regisseur nachspüren. Jede abgeschottete Gesellschaft, sagt er, »die ganz ihren eigenen Gesetzen gehorcht, birgt eine gewisse Gefahr in sich, da sie dazu tendiert, jegliche Menschlichkeit zu verlieren«.

King Of Devil’s Island beruht auf Tatsachen, der Regisseur und sein Drehbuchautor Dennis Magnusson haben penibel die Geschichte von Bastoy recherchiert. Holst hat ausführlich mit drei ehemaligen Heimjungen gesprochen. Die von John Andreas Andersens Kamera aufgenommene Geschichte entfaltet einen genrehaft bedingten Sog. Doch Holsts Werk erhebt sich weit über einen Jugendgefängnis- Thriller mit den Zutaten von Gewalt und Missbrauch, Widerstand und Revolte. Die Bildsprache nähert sich dem Thema auf hoch künstlerische Weise, die Konflikte werden von einem Ensemble beglaubigt, das für die Rollen der Anstaltsinsassen weitgehend mit Laien und Anfängern besetzt wurde.

»Ich habe nicht die Absicht, lange hierzubleiben«, sagt Erling. Benjamin Helstad hat die Statur eines jungen Gerard Butler und dessen Charisma. Mit viel Einfühlungsvermögen schildert der Film die Annäherung von Erling, dem fragilen Ivar (Magnus Langlete) und dem angepassten Olav (Trond Nilssen). Mit einem Minimum an darstellerischem Aufwand und einem Maximum an Wirkung gelingt Nilssen als Olav die Wandlung vom Musterschüler zum Mitglied der Résistance.

Holst zeichnet Bilder wie von Edvard Munch. Leblose Farben, gegen Schwarz-Weiß tendierend, zeugen von der Kälte und der frostigen Atmosphäre auf der kleinen Insel. Holst nutzt die Symbolik, die ihm der norwegische Spätherbst und Winter sozusagen frei Haus liefern. Gedreht hat er indes in Estland, rund zwei Stunden von der Hauptstadt Tallinn entfernt. Holsts Film könnte auch den Titel »Die Eingeschlossenen von Bastoy« tragen, denn immer wieder zeigt die Kamera Jugendliche in Metallkäfigen. Sie sind, ob im Keller oder im Bett, ihrer Würde und Freiheit beraubt. Kristoffer Joner spielt den seiner Unangreifbarkeit sicheren Hausvater Tor Brathen, dessen sexuelle Übergriffe tödliche Folgen haben.

Das intensive Kammerspiel weitet sich zum Schlachtengemälde, und der Regisseur kann seine Farbpalette erweitern. Flammen verlangen kräftige Töne.

King Of Devil’s Island gehört zu den Filmen, die ihr Publikum in den Bann ziehen und auch dann noch beschäftigen, wenn der Abspann vorüber ist. Die subtile Zeichnung der Figuren hat daran großen Anteil. Stellan Skarsgard ist ein Direktor, der stets seine Nähe zu Gott behauptet und doch das Böse zumindest toleriert. In Skarsgards Augen kann man eine Geschichte unauflösbarer Widersprüche lesen. Benjamin Helstad zeichnet den Erling als harten Hund, er kann nicht einmal lesen und schreiben. In einer der schönsten Szenen des Films offenbart sich dann aber: Erling hat eine empfindsame, poetische Seele.

King Of Devil’s Island gilt als einer der erfolgreichsten norwegischen Filme der vergangenen Jahre. Das Land kennt jetzt die Geschichtevon Bastoy. Erst 1970 wurde das Heim geschlossen. Heute befindet sich auf der Insel eines der liberalsten Gefängnisse der Welt.

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