Kritik zu Kill Me Please

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Selbstmörder sind schon ein merkwürdiger Menschenschlag, jedenfalls so wie sie sich Olias Barco in seiner Komödie vorstellt

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Ein weitläufiges Herrenhaus voller Selbstmörder wird in Kill Me Please zu einem Käfig voller Narren, die sich hemmungslos in Selbstmitleid, Weltschmerz, Liebeskummer und Egomanie ergehen. Dabei hätte dem Film ein wenig Bodenhaftung ausgesprochen gutgetan. Statt sich nach seinem ersten abendfüllenden Spielfilm Snowboarder (2003) selbst umzubringen, beschloss Olias Barco kurzerhand, seinen Selbstmordimpuls kreativ auszubeuten. Befeuert vom Wissen um die kontrovers diskutierten Schweizer Sterbekliniken und die einschlägigen Massenselbstmorde in Japan oder Amerika entwickelt er in seiner Komödie eine utopische Vision vom organisierten, humanen Sterben als Mischung aus Todessanatorium und Irrenhaus.

In einer Art Castingprozess bewerben sich die Lebensmüden per Videobotschaft um Aufnahme in der Anstalt, nach sorgfältiger Prüfung entscheidet Dr. Krueger (Aurélien Recoign), ob dem Sterbeantrag stattgegeben wird, ein manisch depressiver Schauspieler, der behauptet, unter Krebs im Endstadium zu leiden, wird beispielsweise als Simulant abgewiesen. Ist der Antrag bewilligt, geht es an die Inszenierung der letzten Reise, wahlweise mit Champagner und Luxushure oder einer Rekreation des Hochzeitsdinners bis zur Einnahme des in drei Minuten wirkenden Giftes. Sonderwünsche wie gewalttätige Angriffe und fatale Unfälle sind dabei – sehr zum Leidwesen eines überspannten Melancholikers – nicht vorgesehen.

Der reibungslos serielle Ablauf des Sterbealltags in der idyllischen Abgeschiedenheit des weitläufigen Herrenhauses wird durch Einflüsse von außen empfindlich gestört, zunächst durch eine Abgesandte des Finanzamts, die sich daran stößt, dass auffällig viele Patienten  ihr Vermögen dem Leiter des morbiden Instituts überschreiben, und bald auch durch militante Gegner der Todesklinik, die das Haus erstanzünden und dann unter Beschuss nehmen. Während der Amoklauf der Suizidgegner auf eine Fraktion der Sterbewilligen ausgesprochen inspirierend wirkt, weckt er bei anderen  längst verloren geglaubte Lebensgeister. Statt angesichts des Todes eine gewisse Größe und Würde anzunehmen, wandeln sich die meisten der Insassen in der Warteschleife in kleinliche Meckerfritzen, die ihr Recht auf kontinentales Frühstück und termingerechtes Ableben einfordern: »Ich will als erster sterben! « – »Nein, ich war vor ihnen da!

So nimmt der Film nach einem ruhigen, sachlichen Anfang zunehmend an Fahrt auf, und artet dabei bald hemmungslos in Chaos und Hysterie aus. Statt im Spiel mit dem Tod diskretes Understatement walten zu lassen, schießt er zugleich unausgegoren und überspitzt übers Ziel hinaus. Selbst schillernde Schauspieler wie Benoît Poelvoorde, Bouli Lanners, Saul Rubinek oder Zazie de Paris können dagegen nicht ankommen. Halbherzig peseudodokumentarisch in Schwarz-Weiß gedreht, erinnert Kill Me Please entfernt an Mann beisst Hund, ohne denselben Biss zu entwickeln. Aller rastlosen Hektik zum Trotz ist Kill Me Please nur ein schaler Abklatsch der spezifisch belgischen Form der schwarzen Komödie, wie sie in Mann beisst Hund oder Aaltra zu bewundern war.

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