Kritik zu Keep the Lights On

Trailer OmU © Salzgeber

Der amerikanische Regisseur Ira Sachs wirft einen schonungslosen und realistischen Blick auf die krisenhafte Beziehung zweier Männer in New York über einen Zeitraum von fast 10 Jahren

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Die Frage, die man sich bei einer Chronik immer stellen muss, ist die des Zeitmanagements. Versucht man, die Verläufe so logisch wie möglich zu zeichnen und die Zeitsprünge in den Erzählfluss zu integrieren wie in Bertoluccis Epos »1900«, oder setzt man auf Brüche und Auslassungen und springt selbstbewusst gleich mehrere Jahre weiter, um immer wieder neu in die Geschichte einzusteigen? Ira Sachs hat sich für diese sprunghafte Variante entschieden. Der Film wird dadurch realistischer, weniger klischeehaft und kann seine Problemlage, die verfahrene Liebesbeziehung, konzentrierter ins Auge fassen.

Paul (Zachary Booth) und Erik (Thure Lindhardt) lernen sich bei einer Date-Hotline für schwule Männer kennen. Paul ist erfolgreicher Medienanwalt im Verlagswesen und Erik ambitionierter Dokumentarfilmer. Im Verlauf des Filmes wird er den Teddy-Award der Berlinale bekommen, ebenso wie Keep the Lights On selbst. Beide sind in gewissem Sinne abhängig. Paul raucht zur sexuellen Stimulation Crack, Eric ist süchtig nach Liebe und Beständigkeit. Als beide beschließen, zusammenzuziehen, beginnt ein Leben aus Sex, Liebe, Rausch, Entzug, Enttäuschung und Koabhängigkeiten.

Ira Sachs macht aus seiner Homosexualität kein Geheimnis, ebenso wenig scheut er vor der expliziten Darstellung von Sex zurück. Es ist der Kunst von Thimios Bakatakis’ Kamera zu verdanken, dass diese Szenen mit einer erstaunlich selbstverständlichen Natürlichkeit gezeichnet werden. Die geschlechtliche Orientierung spielt kaum eine Rolle, die Bilder sind ebenso warm wie erotisch, die Bewegungen ebenso geschmeidig wie unbeholfen. Und die absolute Erfüllung ist gleichermaßen zweifelhaft.

Keep the Lights On ist ein Film, der versucht, dem unordentlichen Gefühl der Liebe auf die Schliche zu kommen. Er beschränkt sich dabei auf die Einblicke in die Beziehung, ihre Strukturen und Abgründe und lässt den Rest der Welt fast vollständig außen vor. Er taucht immer wieder ein in das, was beide miteinander verbindet, beginnt 1998 und endet nach 10 Jahren der hilflosen Suche nach einer Lösung mit dem Ende der Beziehung. Dazwischen wiederholen sich Drogenabstürze, Monate in Entzugskliniken, Rückfälle, Hoffnung, Durchhalteparolen und schließlich der Zusammenbruch. Sachs’ lakonische Haltung entzieht sich dem drastischen Ausformulieren dessen, was Sex und Drogen bereithalten. Vielmehr sucht er das ganz normale Leben dahinter, das, was Beziehungsglück ausmacht. Er zeigt den Kreislauf in seiner Unentrinnbarkeit, und die einzig logische Konsequenz ist das Ende. Auch hier gibt es keine dramatische Trennung, sondern nüchterne Einsicht. Indem sich die Dauer aus dem Moment erschließt, die vergehende Zeit lediglich durch Tafeln mit Jahresangaben angezeigt wird, wirkt der Film ungeheuer konzentriert. Wenn das Jahr 2003 mit dem Entschluss zu einer Entziehungskur endet und das Jahr 2006 mit einer gerade überstandenen beginnt, ist alles, was dazwischenliegt, intensives Grauen, eben weil es nur in der Vorstellung des Zuschauers stattfindet. Im amerikanischen Kino gibt es kaum noch Zwischentöne. Indem er es wagt, sich so stark auf den Subtext zu verlassen, hat Ira Sachs einen vieldeutigen Film gedreht.

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