Kritik zu Jud Süss – Film ohne Gewissen

© Concorde

Ungnädig bis verständnislos ist Oskar Roehlers Film über die Mitschuld der Kunst im Nationalsozialismus bei seiner Festivalpremiere auf der Berlinale aufgenommen worden. Aber er lohnt das Hinsehen

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Oskar Roehler ist ein Filmemacher, der etwas riskiert. Das geht, gelegentlich, in Zonen von Intimität und Peinlichkeit, aber immer weiß man, dass etwas auf dem Spiel steht. Auf den ersten Blick überrascht, dass »Jud Süss – Film ohne Gewissen« eine fast schon konventionelle Spielfilmdramaturgie aufweist. Auf das, worauf der Film wirklich hinauswill, kommt man erst, wenn man auch diese Oberfläche als Teil eines komplizierteren und eben: riskanten Spiegelspiels zwischen Film, Geschichte und Psyche akzeptiert. Der Film ist bei seiner Festivalpremiere ungnädig bis verständnislos aufgenommen worden. Geschichtsverfälschung, gar »Exkulpation« hat man ihm vorgeworfen. Und dann lieber gleich das Hinschauen und Nachdenken eingestellt.

Es ist die Geschichte eines Menschen von, sagen wir, eher durchschnittlichem Charakter, Ferdinand Marian, dem von Goebbels und Regisseur Veit Harlan »die Rolle seines Lebens« angeboten wird, die Titelrolle des antisemitischen Hetzfilms »Jud Süss«. Bei Roehler ist Marian alles andere als ein Nazi, nicht einmal das Bild eines Opportunisten und Mitläufers passt so recht; aber er ist eben auch kein Held, nicht einmal ein besonders sympathischer Mensch, einer, der sich schwertut, über sich selbst hinaus zu schauen, aber eben doch auch einer, der dazu gezwungen ist. Die Fragen »Was hätte man tun können?«, »Was hätte man tun müssen?«, »Was hätte man nicht tun dürfen?«, stellen sich für diese Person dramatischer als für die Mehrheit. So einer ist zugleich drinnen und draußen; er muss nicht nur spielen, sondern sich auch selber anschauen.

Mit dem historischen Ferdinand Marian hat Roehlers Figur vielleicht gar nicht so viel zu tun. Die Geschichte mit seiner »halbjüdischen« Frau ist ebenso erfunden wie seine Funktion als »Judenretter« (das in der Tat kann einem aufstoßen, weil es so verbreitet in den Legenden der Entschuldung und der Lüge war), auch die persönliche Beziehung zwischen ihm und Goebbels ist ein Theatereffekt, keine historische Analyse. Ohne das, zum Mitschreiben, kenntlich zu machen, wechselt der Film zwischen Biografie und Sinnbild, Zeitbild und surrealistischem Phantasma. Der Schnittpunkt, vielleicht ist es das, was deutsche Kritiker so aufregt, ist nicht der Diskurs des Opportunismus, nicht der Diskurs der Banalität des Bösen, sondern es ist der Diskurs der Sexualität.

Was Goebbels und Marian miteinander verbindet, ist ein Fluss unglückseliger sexueller Energie, und darin liegt auch die Frage, warum eigentlich Marian so sehr »der richtige« für diese Rolle war. Denn Veit Harlans »Jud Süss« ist nicht nur ein Werk obszöner Hasspropaganda, er ist vor allem rassistische Pornografie; Mörderpornografie, die gerade dadurch so perfekt wird, dass Marian seine Figur »menschlich«, vielleicht sogar autobiografisch macht (und in der Szene, da Marian erlebt, wie der Film auf junge Soldaten an der Front wirkt, wird ihm nur zu deutlich, wie er an der Verwandlung sexueller in mörderische Energie mitgewirkt hat). Dass Marian, in Roehlers Film, auch aus anderen Gründen als der der Schuld nicht mehr aus seiner Rolle herauskommt, berührt ein kontaminiertes, verborgenes Feld unter der historischen Oberfläche: die sexuelle Grundierung des Faschismus.

Ob Roehlers Film bei dem Versuch, in eine tiefere Schicht vorzudringen, scheitert, mag man diskutieren. Die Beziehung zwischen Moritz Bleibtreus Goebbels und Tobias Morettis Marian, die sich wie seltsame Spiegel zueinander verhalten, die sich in einer grauenhaften Projektion des Begehrens treffen, steht so sehr im Vordergrund, dass ein paar der Nebenfiguren leider nur Schemen bleiben.

Ganz gewiss: Die Geschichte des »echten« Ferdinand Marian war viel banaler. Roehler zeigt: Die Frage nach der Kunst und dem Gewissen ist komplizierter als der moralische Diskurs das gern hätte. Das ist etwas ganz anderes als die übliche Entschuldungsdramaturgie, auch wenn die Figur so viel »besser«, komplizierter und selbstkritischer dargestellt wird als ihr reales Modell war. So gesehen »stimmt« in diesem Film so gut wie nichts, und doch schlägt er den einen oder anderen Weg zu einer Wahrheit vor, die sich uns ständig entzieht, weil wir das Innen und das Außen, die Macht und die Gefühle, Sexualität und Politik im Faschismus nicht zusammen zu denken vermögen. Oskar Roehler hat es mit diesem Film riskiert. Wer etwas riskiert, kann auch scheitern. Aber nie so wie jene, die das Risiko scheuen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns