Kritik zu Jacques – Entdecker der Ozeane

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War er ein Held der Forschung? Oder doch eher ein Scharlatan? Jérôme Salles erstaunlich biederes Biopic über Jacques-Yves Cousteau drückt sich um Antworten herum

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Das Wasser verfügt in diesem Film über eine magische Anziehungskraft. Als Bébert Falco (Vincent ­Heneine) dem angehenden Kapitän Cousteau (Lambert Wilson) seinen Lebenslauf überreichen will, flattert das Papier in die Luft und landet in einer Pfütze – was den Skipper überzeugt, den Mann als Taucher zu engagieren. In der ersten Szene, einem Vorgriff auf das Jahr 1979, überfliegt Cousteaus Sohn Philippe (Pierre Niney) mit seiner PBY-Catalina den Rio Tejo und stürzt aus ungeklärter Ursache in die Fluten. Und auch die Lebensgeschichte von Jacques-Yves Cousteau beginnt erst in dem Moment, als er beschließt, »ins Wasser zu gehen« und ein berühmter Meeresforscher und Dokumentarfilmer zu werden. Da ist er fast vierzig Jahre alt.

Jérôme Salle, Regisseur und Koautor von »Jacques – Entdecker der Ozeane«, zahlt in dramaturgischer Hinsicht einen ziemlich hohen Preis für seine Fixierung aufs kühle Nass. Denn der Verzicht auf jegliche Exposition wird bei Zuschauern, die mit der Biografie des 1910 geborenen Unterwasserpioniers wenig vertraut sind, zu Beginn für Irritation sorgen. Wo Cousteau herkam, wie er wurde, was er vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts war – das alles wird ausgespart oder in knappen Dialogen abgehandelt. Woher stammte seine Begeisterung für technische Geräte und Unterwasserfotografie, was prädestinierte ihn zum Vorreiter und Selfmademan, woher kamen die Rastlosigkeit, der Erfindungsreichtum, der unternehmerische Wagemut? Leider gibt dieser Leinwand-Cousteau trotz Lambert Wilsons durchaus charismatischer Darstellung kaum Antworten auf diese Fragen. Was den Charakter des Protagonisten angeht, bleibt der Film an der (Wasser-)Oberfläche.

Erstaunlicherweise entscheidet sich Salle, der mit raffinierten Thrillern angefangen hat und zuletzt das eindringliche Südafrika-Drama »Zulu« inszenierte, für eine altmodische Biopic-Struktur. Strikt chronologisch hakt er die wichtigsten Stationen jener rund dreißig Jahre ab, in denen der Mann mit der roten Wollmütze an die 100 Filme produzierte und drei Oscars einheimste. Nur in den ersten Szenen, wenn Cousteau erste Aufnahmen mit seiner selbst entwickelten wasserdichten Kamera macht, spürt man so etwas wie die Leidenschaft eines Filmemachers; später entwickelt er sich mehr und mehr zum kühl kalkulierenden Entrepreneur, dem der Erfolg wichtiger ist als das Sujet – und der sich, ohnehin ein abwesender Vater, immer weiter von seiner Frau (Audrey Tautou) und seinen beiden Söhnen entfernt.

Kein sympathischer Held also, und leider auch niemand, dessen Ideen in der Retrospektive sonderlich überzeugen. Über seine Vorstellungen von einem Leben am Meeresboden kann man sich eigentlich nur lustig machen wie Wes Anderson vor gut zehn Jahren in »Die Tiefseetaucher«. Salle hingegen entwickelt keine eigene Haltung. Er bebildert lediglich und schafft es dank der exzellenten Fotografie von Matias Boucard und der opulenten Musik von Alexandre Desplat immerhin, ein wunderschönes mediterranes Gefühl und faszinierende Naturaufnahmen zu kreieren. Natürlich unter Wasser.

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