Kritik zu Im Spinnwebhaus

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In Mara Eibl-Eibesfeldts Debütfilm überlässt eine überforderte Mutter ihre drei kleinen Kinder ihrem Schicksal. Aus Sozialdrama wird ein kunstvolles Märchen

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Ein Idyll, fast schon zu schön, um wahr zu sein. Eine Mutter und ihre drei Kinder toben voller Lebensfreude in einem Park herum. Im Spiel vergessen die vier alles andere und sind für eine kurze Zeit eine perfekte Familie. Zwar ist der Vater nicht mit dabei, aber er scheint auch nicht zu fehlen. Am Ende sitzen Sabine und die drei Kinder gemeinsam auf einem großen Ast. Ein sanftes Licht scheint sie und den Baum zu streicheln.

In diesen ersten Augenblicken von Mara Eibl-Eibesfeldts Spielfilmdebüt hat Jürgen Jürges' Schwarzweiß etwas wunderbar Weiches. Die Konturen der Menschen und Dinge fließen unmerklich ineinander. Eine perfekte Harmonie liegt in diesen Bildern. So sollte das Leben sein: ein schöner Traum, der einen schweben und niemals stürzen lässt. Nur ist es so natürlich nicht.

Das malerische Vorspiel weicht umgehend einer harschen Realität. Sabine (Sylvie Testud) ist in Wahrheit heillos mit ihrem Leben und ihren Kindern überfordert. Sie bemüht sich nach Kräften, um für den zwölfjährigen Jonas (Ben Litwinschuh), den hyperaktiven Nick (Lutz Simon Eilert) und die kleine, noch in den Kindergarten gehende Miechen (Helena Pieske) da zu sein. Doch irgendetwas entgleitet ihr immer.

Eines Nachts nimmt Sabine die drei Geschwister und fährt mit ihnen zu deren Vater (Matthias Koeberlin). Nur will der seine Kinder nicht haben. Die Rückfahrt wird zum Desaster für Sabine. Es kommt fast zu einem Unfall. Noch in derselben Nacht wird sie ihre Kinder verlassen, um im »Sonnental« gegen ihre Dämonen zu kämpfen. Das ist zumindest das, was sie Jonas sagt, der auf Nick und Miechen aufpassen soll.

So sanft das Licht anfangs die Familie umspielt, so harsch wirkt es nach Sabines Verschwinden. Die Kontraste werden immer härter. Manchmal scheint ein tiefes Schwarz regelrecht nach Jonas und seinen Geschwistern zu greifen. Jürges' Chiaroscuro-Fotografie unterläuft konsequent jeglichen Realismus. Mara Eibl-Eibesfeldt sucht eher die Nähe zu Charles Laughtons »Die Nacht des Jägers« als zu Luis Buñuels »Die Vergessenen«. Erinnerungen an Zeitungsartikel über verlassene und vernachlässigte Kinder schwingen noch mit. Aber aus dem Nachrichtenstoff wird ein düster schillerndes Filmpoem.

Eine mal schaurige, mal betörend schöne Märchenatmosphäre durchzieht den Film und verwandelt ihn. Als den Kindern das Essen genauso wie das Geld ausgeht, begegnet Jonas einem jungen Mann mit Spinnwebtätowierungen, der allem Anschein nach auf der Straße lebt und sich dem Jungen als Felix Graf von Gütersloh (Ludwig Trepte) vorstellt. Der oft in Reimen sprechende Felix hilft Jonas nicht nur dabei, an Essen zu kommen, er erfüllt auch dessen Wünsche, fast wie eine gute Fee. Zugleich ist er aber auch eine Peter-Pan-Figur, die Jonas davor warnt, erwachsen zu werden. »Für jedes Abenteuer hat's zwei Enden: Hast Du Angst, wird sich's zum Schlechten wenden, doch hast du Mut, dann ist es gut«, verkündet er einmal und hält damit alles in der Schwebe. Welches Ende Jonas' Abenteuer nimmt, das kann nur jeder für sich selbst beantworten.

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