Kritik zu An Ihrer Stelle – Fill the Void

© NFP

2012
Original-Titel: 
Lemale et Ha'Halal
Filmstart in Deutschland: 
11.07.2013
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
6

Über die Verheiratung der 18-jährigen Shira in einer ultraorthodoxen Haredim Gemeinde in Tel Aviv

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Der schweifende Blick der beiden Frauen zwischen den Regalen im Supermarkt, offenbar Mutter und Tochter, ist bald am Ziel. Da steht der gesuchte junge Mann mit den Schläfenlocken und dem orthodoxen schwarzen Habit – bei den Milchprodukten. Ein Hauch von Ironie scheint über dem Ausspionieren des möglichen Hochzeitskandidaten zu liegen. Aber der Verdacht, dass es der Regisseurin um Distanz oder gar Kritik an den ultraorthodoxen Gebräuchen gehen könnte, ist bald zerstreut. Es ist von Anfang an klar, dass Rama Burshtein mit  ihrem Filmdebüt eine möglichst authentische Schilderung des eigenen Milieus anstrebt, wo Männer mit pompösen Pelzmützen auftrumpfen. Die strenge und mittelalterlich anmutende Kleiderordnung soll den guten, also gottesfürchtigen Juden ins rechte Licht setzen, unterstreicht aber auch dessen patriarchale Vormachtstellung. Das Purimsfest oder die Kindstaufe bringen es noch deutlicher an den Tag, welchen Regeln das Zusammenleben der Geschlechter hier gehorcht. Beim feuchtfröhlichen Gelage der Männer im Wohnzimmer kann es nicht laut genug zugehen, den Frauen im Nebenzimmer fällt die Zuschauerrolle zu, so wie sie von der Empore der Synagoge aus dem von Männern umringten Täufling direkt ins Gesicht schauen dürfen. Widerstand gegen das traditionelle Regelwerk der strikten Gschlechtertrennung regt sich hier nicht. Als Esther, die ältere Tochter der Familie, im Kindsbett stirbt, steht weniger der Schmerz, sondern Enkel, Schwiegersohn und dessen Wiederverheiratung auf der Agenda. Um alles unter einen Hut zu bringen, schlägt die Mutter nicht ganz uneigennützig vor, dass ihre jüngste Tochter, die gerade 18-jährige Shira (Hadas Yaron), doch den viel älteren Witwer heiraten solle. Damit ist der Film bei seinem Thema, das die Regisseurin unter das Motto: »Im Judentum gibt es keine erzwungenen Hochzeiten« gestellt hat.

Es fällt nicht gerade leicht, dem detailliert geschilderten orthodoxen Alltagsleben ohne Groll zu begegnen. Die eingehaltene weibliche Perspektive, die eindringlichen nahen, um Verständnis werbenden Blicke auf die Gesichter trösten nicht, denn sie zielen letztlich auf das Einvernehmen, das in dieser abgeschottenen religiösen Gemeinschaft zu herrschen scheint oder sich auf Umwegen wieder herstellt. Allenfalls das Verhalten der störrischen Shira, um die es in der zweiten Hälfte des Films vor allem geht, bringt die Widersprüche ans Licht; das aber nur, um diese unter Einflussnahme des Rabbiners, der hier immer das letzte, weichenstellende Wort hat, wieder zu glätten. Man fragt sich von Anfang an, warum Rama Burshtein, die sich erst nach ihrem Filmstudium den Haredim anschloss, mit 45 Jahren als Mutter von vier Kindern ihren ersten Spielfilm gedreht hat und sich damit in die bisher gemiedene Öffentlichkeit begibt. Sie selbst verweist auf Jane Austen und ihre Welt mit festen, klaren Regeln, die Schutz vor der großen Verzweiflung des Lebens versprechen. Die letzten Filmbilder zeigen das schiere Glück einer Braut, die trotz leisem Beben des Körpers das ständige Gebet nicht vergisst.

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