Kritik zu Identitti

© Alamode Film

2026
Original-Titel: 
Identitti
Filmstart in Deutschland: 
12.11.2026
L: 
103 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Randa Chahoud nimmt sich der komplexen Aufgabe an, Mithu Sanyals um Identität, Zugehörigkeit und strukturellen Rassismus kreisenden Roman für die Leinwand zu adaptieren.

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Der Film steigt mit einer starken Szene ein: Professorin Saraswati ist ein Popstar in der akademischen Welt. Als sie ihr erstes Seminar für Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie an der Universität Düsseldorf hält, wollen alle dabei sein. Saraswati schwebt mit Bindi auf der Stirn in das Auditorium wie eine Lichtgestalt, seziert den Raum mit einem raschen Blick und verkündet streng: »Alle Weißen raus!« Die Studierenden sind irritiert. Ist das ein Scherz? Eine Provokation? Oder etwa ihr Ernst? Saraswati meint es verdammt ernst und schließlich folgen alle, die sich nicht als People of Color (PoC) identifizieren, ihrem Befehl. Sie zucken, zappeln und kriechen sogar wie Romeros Zombies aus dem Hörsaal, buchstäblich. Doch bald darauf kommt es zum Eklat: Saraswati (Stephanie Eidt) heißt in Wirklichkeit Sara Vera Thielmann und hat sich fälschlicherweise als Person of Color ausgegeben. Die Studierenden fühlen sich verraten, der Mob tobt analog vor der Uni, und der Shitstorm wütet im Internet. Mittendrin ist Nivedita (Amanda Babaei Vieira), Saraswatis größter Fan und Bloggerin, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird.

In Mithu Sanyals clever konstruiertem und einfache Antworten verweigerndem Roman bildet das die Ausgangslage für kluge Diskurse um Identität, Zugehörigkeit und strukturellen Rassismus. Niveditas Blogging-Persona Kali, einer wütenden indischen Göttin, die eine Kette aus den abgeschlagenen Köpfen ihrer Gegner um den Hals trägt, gibt Sanyal im Buch die Möglichkeit, lange Passagen einzuflechten, in denen Nivedita über ihre eigene Herkunft als Tochter polnisch-indischer Eltern philosophiert. Außerdem führt sie scharfe Streitgespräche mit ihrer in Ungnade gefallenen Mentorin, die sich keiner Schuld bewusst ist. Wer hat die Deutungshoheit über die Identität? Ist Identität fluide, und wer definiert, wer PoC ist und wer nicht?

Diskurse über strukturellen Rassismus, soziologische Theorien in akademischem Duktus, Niveditas Zwiegespräche mit einer imaginierten Göttin und ein jugendsprachlicher Mix aus Deutsch und Englisch sind nicht leicht in die filmische Form zu übertragen. Die anhand der Eingangssequenz geschilderte theatrale Verfremdung im Schauspiel ist eine Methode, die Regisseurin Randa Chahoud dafür nutzt. Das funktioniert, schließlich wurden sowohl Sanyals Debüt »Identtiti« als auch ihr zweites Buch »Antichristi« schon erfolgreich für die Bühne adaptiert. Auch Sabrina Setlurs erste Filmrolle als Kali ist ein cooles Gimmick. Überhaupt ist der Cast hip, divers und bis auf wenige Ausnahmen weiblich.

Insgesamt hätte sich Chahoud aber mehr Zeit lassen können, die Beziehungen der Figuren untereinander glaubwürdiger zu erzählen. Niveditas komplexe Beziehung zu Saraswati – will sie Saraswati sein oder mit ihr schlafen? – vermittelt sich ebenso wenig wie Saraswatis Charisma. Auch die Beziehung von Nivedita zu ihrer besten Freundin Oluchi und ihrer Cousine Priti wird oberflächlich erzählt. Trotz der vielschichtigen Vorlage, der wichtigen Thematik und der guten Besetzung bleibt der Eindruck, dass hier vor allem feministische und identitätspolitische Buzzwords zitiert werden, während sich die Geschichte viel zu wenig Zeit nimmt, um der Komplexität des Romans wirklich gerecht zu werden.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt