Kritik zu As I Open My Eyes – Kaum öffne ich die Augen

© Kairos Filmverleih

In ihrem Debütfilm erzählt die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid von einer jungen Frau aus gutem Hause, die sich den Konventionen widersetzt

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Farah ist schön, jung und begabt. Ihr Abitur hat sie mit Auszeichnung bestanden, die Familie möchte, dass sie Medizin studiert. Ihr hingegen wäre Musikwissenschaft lieber, denn sie singt in einer Rockband. Gegen das Studium aber wehrt sie sich nicht. Eine bürgerliche Karriere ist ihr nicht unwichtig. Wir befinden uns in Tunis, kurz vor dem Arabischen Frühling.

Der erstaunliche Erstlingsfilm der tunesische Regisseurin Leyla Bouzid, der 2015 in Venedig mehrfach ausgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte einer Rebellion, indem er sie ins Private verschiebt. Politische Strukturen werden so individuell nachvollziehbar, im Beispielhaften offenbart sich die Situation eines ganzen Landes.

Farah erwacht zu einem eigenen Leben und beginnt, sich Freiheiten herauszunehmen. Sie bleibt nachts lange weg, zum Leidwesen ihrer Mutter, die sich Sorgen um die Tochter macht. Die Konzerte besucht sie ohnehin nicht, zu unterschiedlich ist der musikalische Geschmack. Der Vater ist nur selten zu Hause. Obwohl er großes Verständnis für die künstlerischen Ambitionen der Tochter hat, kann er ihr nicht wirklich helfen. Und als sie dann beginnt, mit ihrer Band und deren politischen Texten gegen die bestehenden Gesellschaftsstrukturen zu rebellieren, die die Rechte der Frau nicht kennen und Freiheit nur gewissen Schichten zubilligen, wird die Polizei auf sie aufmerksam. Die Schlaufe zieht sich langsam, aber unaufhaltsam zu.

Leyla Bouzid, die Tochter des tunesischen Regisseurs Nouri Bouzid, hat aus ihrem Pariser Exil heraus einen persönlichen Weg beschrieben, der in die sogenannte Arabellion führte. Farah lebt in dem Konflikt, den Jugend überall auf der Welt mit sich bringt. Der Schritt hinaus aus dem Muster, das die Eltern angelegt haben, in eine wie auch immer selbstbestimmte Lebenswirklichkeit. Die erste Liebe paart sich mit einem Gefühl der Unbesiegbarkeit, das Neue ist immer attraktiver als das Alte, und das Verhältnis zu den Eltern changiert zwischen Liebe und Verachtung. Auch Farah sucht, wie junge Menschen überall, nach sich selbst, und da stehen Eltern entweder tolerant daneben oder im Weg. Doch dann dreht Bouzid die Spirale weiter, indem sie die Suche nach Freiheit mit einer autokratischen Staatsmacht kollidieren lässt. Nach einem besonders kritischen Konzert wird erst ihr Freund und dann Farah selbst verhaftet und, wie es heißt, im Polizeigewahrsam »beruhigt«. Mit Schlägen, Drohungen, sexuellen Übergriffen.

»Kaum öffne ich die Augen« ist ein beunruhigender Film, der die Bedürfnisse einer aufgeklärten Bevölkerung nach gesellschaftlicher Freiheit darlegt. In dem relativ offenen Schluss aber verbirgt sich auch das mögliche Scheitern eines Kampfes, der kein konkretes Ziel hat und nicht mit einer eindeutigen Ideologie verbunden ist. In Farahs leerem Blick liegt die Angst ganz dicht neben der Sehnsucht.

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