Kritik zu I Am Love

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Elf Jahre lang hat Tilda Swinton diesen Film zusammen mit Regisseur Luca Guadagnino entwickelt, der von den Erschütterungen einer großbürgerlichen Familie im heutigen Mailand handelt

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Hier eine verschneite Straßenkreuzung, da die Skulptur an einer Hausfassade, der Ausschnitt eines Gartens, der Blick auf eine menschenleere Allee, die Außenmauer eines Grundstückes, wenig einladende Fensteransichten: Aus den Teilen ergibt sich kein Ganzes, das winterliche Mailand, das unter den Credits zu sehen ist, bietet keine Orientierung, und die treibende Musik von John Adams kündet mit ihrem ungestümen Drive von drohender Unruhe.

Auch die Mitglieder der Familie Recchi, die einem Film von Luchino Visconti entsprungen sein könnten, und sich am Anfang von »I Am Love« zum Geburtstagsessen versammeln, werden nur noch durch Rituale und Traditionen zusammengehalten, unter den Oberflächen arbeitet und brodelt es. Die Männer versuchen, Veränderungen in den patriarchalischen Mustern mit aller Macht zu verhindern. Die Frauen sind aufgeschlossener und abenteuerlicher, sie lassen sich auf Abweichungen und Überraschungen ein, und die Kamera ist ihre Verbündete, wenn sie sich mit ihnen wild und vibrierend, unscharf und unstet ins Ungewisse stürzt. Man spürt, die Ordnung der Traditionen gehört der Vergangenheit an, die Art und Weise, wie die Kamera (Yorick Le Saux) auf diese untergehende Welt schaut, erzählt schon vom Aufbruch in die Moderne.

Das Kraftzentrum in dieser auseinanderfallenden Welt ist Tilda Swinton. Als Emma Recchi zieht sie die Blicke magnetisch auf sich, auf die mondän schöne Fassade und die darunter lauernden Risse. Sie ist eine Russin, die vor vielen Jahren ins Exil nach Mailand entführt wurde und hier quasi Undercover unter italienischem Namen lebt. Wenn sie Sehnsucht nach dem Duft ihrer alten Heimat hat, dann kocht sie sich eine russische Fischsuppe mit frisch gefangenen Fischen und frisch gepflücktem Gemüse.

Doch dann kommt der Moment, in dem ihre Wahrnehmung durch eine sinnliche Erfahrung erschüttert wird. Ausgelöst durch die himmlischen Sensationen eines ganz besonderen Gerichts, das ihr im Restaurant Antonio, der Freund ihres Sohnes, kocht, brechen lang beherrschte Gefühle mit unbändiger Kraft aus ihr hervor. Wie eine göttliche Offenbarung inszeniert Luca Guadagnino diesen Moment, Tilda Swinton trägt ein leuchtend grellrotes Kleid und sitzt im Licht, während das Restaurant um sie herum im Dunkeln liegt. Schon der Anblick der knackigen Garnelen auf dem Gemüsearrangement überwältigt sie, die Sensationen, die dieses Mahl auf Zunge und Gaumen auslöst, reichen über das Kulinarische hinaus ins Erotische.

Die magische Kraft, die von diesem Erlebnis ausgeht, führt alsbald zu einer hitzigen Affäre, und in der Folge zu schicksalhaft melodramatischen Verstrickungen, die die Welt von Luchino Visconti mit Elementen von Douglas Sirk versetzen. Bald zeigt sich, wie wenig sich seit den fünfziger Jahren verändert hat, so wie damals sind auch heute noch die Söhne das restriktivste Element im Leben ihrer Mütter.

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