Kritik zu Hedis Hochzeit

Trailer OmU © Arsenal Filmverleih

2016
Original-Titel: 
Inhebbek Hedi
Filmstart in Deutschland: 
22.09.2016
Musik: 
L: 
88 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Im ersten tunesischen Beitrag seit zwanzig Jahren im Wettbewerb der Berlinale wirft Mohamed Ben Attia umsichtig Schlaglichter auf das gesellschaftliche Klima seiner Heimat, das zwischen repressiver Tradition und Aufbruch schwankt

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»Sehe ich denn nicht wie ein Revolutionär aus?«, fragt Hedi in einem Anflug milder Selbstironie, als Rym ihm nicht glauben will, dass er auch am 14. Januar 2010 auf die Straße gegangen ist. Tatsächlich hat er mit seinen Kollegen an der Demonstration teilgenommen, die als Auftakt des Arabischen Frühlings gilt. Das tunesische Staatsoberhaupt hatte an diesem Tag abgedankt und es musste rasch eine Übergangsregierung gebildet werden.

Hedi (Majd Mastoura) erinnert sich daran als die schönste Episode in seinem Leben. Alle Welt blieb danach für drei Tage zu Hause. Als die Auszeit vorüber war, lag eine fremde Stimmung von Offenheit in der Luft, die ihnen allen die Zunge löste. Rym (Rym Ben Messaoud) hat das alles nicht hautnah miterlebt; die Animateurin war damals im Ausland beschäftigt. Gebannt lauscht sie seinen Erzählungen. Sie ahnt, dass sie in diesem Augenblick etwas Entscheidendes über ihn erfährt. Der unscheinbare Autovertreter ist seit ein paar Tagen, seit es ihn aus Tunis in den Ferienort Mahdia verschlagen hat, ihr Geliebter. Und es scheint, als könnte er hier wieder an den kurzen Ausnahmezustand anknüpfen, in dem er sich vor ein paar Jahren gemeinsamen mit seinen Landsleuten wiederfand.

Der Dialog ist eine jener Szenen, auf deren Gelingen vermutlich jeder Drehbuchautor stolz wäre. Dieses kleine Kabinettstück der Vielschichtigkeit tritt in der zweiten Hälfte von Mohamed Ben Attias Langfilmdebüt auf den Plan. Sie offenbart eine ungekannte, aber vielleicht erahnte Seite der Hauptfigur. Zugleich ist sie lesbar als politische Allegorie und beschreibt auch die dramaturgische Bewegung des Films, der hoffnungsvoll vom Aufbruch aus der Fremdbestimmung handelt, sich dabei aber die Skepsis bewahrt, dass dieser befristet sein könnte. Nicht von ungefähr trägt sich dieser Moment an einem Urlaubsort zu, wo es leichter fällt, von einem anderen Leben zu träumen.

Hedis Selbstironie ist zu diesem Zeitpunkt redlich verdient. Bis dahin war sein Leben streng vorgezeichnet: von seiner Mutter (Sabah Bouzouita), die dem 25-Jährigen sein Gehalt noch wie ein Taschengeld auszahlt, von seinem Arbeitgeber, von der Gesellschaft, deren Verharrungskräfte der wirtschaftlichen Krise nicht recht beizukommen vermögen. Wiederholt gemahnt das Anschnallsignal in Hedis Wagen dezent an die Bevormundung, in deren Zeichen seine Existenz steht. Seine Hochzeit mit der anmutigen Khedija (Omnia Ben Ghali) ist seit langem arrangiert. Sie mögen einander, sind aber eher Schicksalsgefährten denn Liebende. Während daheim die Vorbereitungen zur Zeremonie ihre Endphase erreichen, lebt Hedi in Madhia eine ungekannte Freiheit aus. Man hat nie das Gefühl, er würde seine Verlobte betrügen. Es erschüttert ihn, dass sie keine anderen Zukunftspläne hat als die Fügsamkeit.

Hedi selbst wäre gern Comiczeichner. Die Gestalten, die er sich ausdenkt, sehen wie wehmütige Monstren aus. Der Film legt keinen übertriebenen Nachdruck auf dieses Motiv – seine Hauptfigur muss nicht durch ihren schüchternen Traum geadelt werden. Es zahlt sich allerdings aus, als Rym ihn den Unterschied zwischen einem Traum und einem Projekt lehrt. Was seinen Charakteren möglich ist und was nicht, betrachtet Mohamed Ben Attia mit achtsam gewährendem Blick.

Wenn Frédéric Noirhommes Kamera Hedi in der ersten Filmhälfte beharrlich folgt (durchaus im Stil der Brüder Dardenne, die als Koproduzenten des Films fungieren), eröffnet sie ihm keine Freiräume. Ihre Agilität dementiert das Klima von sachter Beklemmung und Klaustrophobie nicht. Sie ist vielmehr eine Geste der Begleitung, der neugierigen Unterstützung. Später bedarf Hedi ihrer nicht mehr. Nun muss er eine Entscheidung treffen, und die Kamera akzentuiert sein Ringen durch abrupte Schärfenverlagerungen. Für den Regisseur ist die Zurückhaltung ein Stilprinzip, das aber nicht über seine Parteinahme entscheidet. Er bleibt Hedis Komplize, tariert jedoch sorgfältig den Preis aus, den alle Beteiligten für seine Entscheidung zahlen werden.

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