Kritik zu Haus Tugendhat

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Ein ganzer Film nur über ein Haus? Wer Zweifel daran hegte, dass eine einzige Villa, selbst wenn sie Kulturerbe ist, genug Stoff hergeben würde, den belehrt der Dokumentarist Dieter Reifarth mit seinem faktenreichen Film eines Besseren

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Die Frage, ob man über ein Haus einen abendfüllenden Film drehen kann, stellt sich nicht, wo so geredet wird: »Sie besitzt eine Noblesse, dass ich mich gern an sie erinnere «, sagt jemand in Dieter Reifarths Film Haus Tugendhat und meint damit – die Villa selbst. Errichtet wurde sie 1929/30 in Brno, damals Tschechoslowakei, nach Plänen von Ludwig Mies van der Rohe. 2001 erklärte die UNESCO das Haus zum Weltkulturerbe, was dessen Rang als touristische Destination weit über architekturinteressierte Kreise hinaus befördert haben dürfte. Ernst Tugendhat, Sohn der Erbauer Grete und Fritz Tugendhat und renommierter Philosoph, beschreibt die Prominenz des Baus recht treffend, wenn er sein – im Gegensatz zu den beiden Schwestern – kühleres Verhältnis zum Haus mit einer gewissen Eifersucht begründet: dass das Haus bekannter sein könnte als er.

Um und im Haus Tugendhat bündeln sich zahlreiche Geschichten und Geschichte, die Reifarth – beinahe möchte man sagen: zu – konsequent weiterverfolgt, indem er immer weitere Auskunftgeber vor die Kamera holt. Eine etwas unkonventionellere, stärker geformte Erzählweise wäre dem Stoff vermutlich angemessener gewesen; so hätten die ehrfurchtsvollen Beschreibungen des Baus zu Beginn vielleicht weniger stark ausgestellt werden müssen, wo ein Film doch über den Vorteil verfügt, das zeigen zu können, wovon Literatur nur redet.

Im Zentrum von Haus Tugendhat steht die Geschichte der Bewohner, einer philanthropischen Unternehmerfamilie, die als Juden 1938 erst in die Schweiz, später nach Venezuela flohen. Die Barbarei der deutschen Nazis traf so nur das Haus: Die arglose Tochter des Flugzeugkonstrukteurs Willy Messerschmitt, dessen Familie in die Villa einzog, erzählt von der Ecke mit den Bauernmöbeln, die Gemütlichkeit in den modernen Bau gebracht habe. Der Preis für das Überleben der Tugendhats war indes die lebenslange Heimatlosigkeit, mit der sich die Kinder konfrontiert sahen, deren Name – welche Ironie – eines der bedeutendsten Privathäuser der Moderne trägt.

In den Erzählungen über die Eltern treten Charaktere hervor, die so nobel erscheinen, wie traditionsreicher Wohlstand im besten Fall zu machen vermag. Dieser großbürgerliche Habitus alter Prägung, der noch auf das durch Archivmaterial herbeizitierte Kindermädchen abzufärben scheint, ist dem Film eingeschrieben als Gefälle gegenüber dem Heer der zumeist namenlosen tschechischen Gesprächspartner, die nicht ganz so eloquent formulieren.

1992 wurde in der Villa die Aufsplittung der Tschechoslowakei friedlich verhandelt, was der slowakische Verhandlungsführer Vladimir Meciar im Film als Resultat der Kultur des Hauses bezeichnet. Die Villa ist seit 2012 wiederhergestellt, wohl auch weil der Mann von Daniela Hammer-Tugendhat ein Konservator ist. Und mit der Wiederherstellung verbinden sich Fragen über die Originalität von Geschichte, die der Film nicht beantworten kann. So steht dem berechtigten Groll über würdelose Restitutionsjuristerei und schlechte Romane über das Haus bei den Kindern die weise Ansicht eines Enkels gegenüber: »Wer berühmt ist, gehört nicht mehr nur sich selbst.« Das nämlich kann man von nicht vielen Häusern sagen

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