Kritik zu Grigris' Glück

© Temperclay

Liebesgeschichte, Thriller und Sozialdrama – von der Genremixtur dieser tschadisch-französischen Koproduktion bleiben vor allem die faszinierenden Vorstellungen des Tänzers Souleymane Démé in Erinnerung

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Die Nacht ist seine Welt. Durchtrainiert bis in die letzte Muskelfaser, legt der 25-jährige Grigris scheinbar schwerelos einen Breakdance auf die Bretter einer Disco irgendwo in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena, gefeiert von begeisterten Besuchern und bewundert von der schönen Prostituierten Mimi, die von einer Karriere als Model träumt. Doch Grigris hat ein Handicap: Sein linkes Bein, das er nachts so virtuos um seinen Körper schleudert, ist verkrüppelt und macht ihn tagsüber zu einem bedauernswerten Menschen, der sich seinen Lebensunterhalt im Fotoladen des Stiefvaters verdient. Als dieser eine teure medizinische Behandlung braucht, macht Grigris Schulden, lässt sich mit einer Bande von Benzinschmugglern ein und muss vor diesen schließlich zusammen mit Mimi aufs Land flüchten, nachdem er versucht hat, seine Kumpane zu hintergehen.

Regisseur Mahamat-Saleh Haroun, der 2013 – nach Daratt (2006) und Un homme qui crie (2010) – mit Grigris bereits seinen dritten Film im Wettbewerb von Cannes vorstellte, macht die Liebesgeschichte zwischen Grigris, gespielt von dem aus Burkina Faso stammenden, von Geburt an behinderten Tänzer Soulymane Démé, und Mimi (Anaïs Monory) zum Zentrum seines Films. Eine reizvolle Konstellation, versuchen doch beide, mittels körperlicher Fähigkeiten ihrer elenden Lage zu entkommen, um sich letztlich dennoch auf entwürdigende Weise verkaufen zu müssen. Insgesamt aber ist die Beziehung des ungleichen Paars wenig glaubwürdig und ohne emotionalen Tiefgang, auch weil Haroun die Dialogsequenzen auf das Notwendigste reduziert. Vielleicht fürchtete er, dass die beiden Laiendarsteller die Liebesgeschichte nicht durch den Film hätten tragen können. Die Charaktere geraten dabei recht stereotyp. Grigris ist ein argloser junger Mann, dessen Hilfsbereitschaft ihn in die Bredouille bringt. Mimi, die sich angewidert von betrunkenen weißen Männern betatschen lassen muss, hat ebenfalls das Herz auf dem rechten Fleck, und sie ist, wie der deutsche Verleihtitel und die allzu vorhersehbare Story schon vermuten lassen, letztlich Grigris’ Glück.

Um einen Spannungsbogen aufzubauen, versieht Haroun seine Geschichte mit einer Reihe dramatischer Verwicklungen, einem vorhersehbaren Genremix aus Thriller, Liebesmärchen und Sozialdrama, am Ende mit einem Hohelied auf die weibliche Solidarität, das – mehr sei hier nicht verraten – menschlich verständlich, juristisch aber eher fragwürdig sein dürfte. Vor allem kann sich der Film nicht zwischen all diesen Optionen entscheiden. Es gelingt Haroun nicht, die einzelnen Linien zu verknüpfen, einige Handlungsfäden bleiben ganz auf der Strecke.

Was trotz allem für den Film einnimmt, sind Souleymane Démés grandiose Tanzeinlagen, ob in der Disco oder – wirkungsvoll ausgeleuchtet – in einer leeren Fabrikhalle. Hier ist der Protagonist ganz bei sich, und Kameramann Antoine Héberlé weiß die Faszination dieser Auftritte auf die Leinwand zu übertragen. Dafür bekam er in Cannes den Vulkan-Preis für die beste künstlerische Umsetzung.

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