Kritik zu Glück auf einer Skala von 1 bis 10

© X-Verleih

Mal wieder fast beste Freunde: Alexandre Jollien und Bernard Campan inszenieren ein authentisches »Buddymovie à la française«

Bewertung: 2
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

Jede Filmkultur hat ihre eigenen Lieblingsstorys. In Frankreich (und dahin gehört dieser Film kinematographisch, auch wenn er in der Schweiz beginnt und von dort Fördermittel bekam) ist eine davon die mehr oder weniger komödiantische Zusammenführung eines sozial und charakterlich ungleichen Paars. Dieses schon vor dem Megaerfolg von »Ziemlich beste Freunde« populäre Motiv wird (mitsamt dem Topos körperliche Behinderung) auch in diesem Film aufgegriffen. Dabei ist der spezielle Dreh, dass die beiden Hauptdarsteller im echten Leben selbst Freunde sind und auch gemeinsam das Drehbuch zum Film verfasst und Regie geführt haben. Außerdem orientiert sich die Figur eines der Helden an der Lebensgeschichte seines Darstellers. 

Der ist – in seinem Filmdebüt – Alexandre Jollien, ein in der Westschweiz geborener Philosoph und Autor mit einer zerebralen Bewegungsstörung, die ihm Kindheit und Jugend in Pflegeeinrichtungen ­einbrachte. Jollien mimt den jungen Igor, der mit orangefarbenen Kopfhörern auf einem knallroten Dreirad Biogemüse ausfährt und zu jeder Gelegenheit ein passendes Zitat von Plato, Seneca oder Montaigne bereit hat. An seiner Seite spielt der französische Schauspieler Bernard Campan als gestresster Chef eines großen Bestattungsunternehmens. Ähnlich sind sich beide höchstens in der Frisur einer Halbglatze.

Originell ist die Plotkonstruktion nicht: Als Bestatter Louis sich für eine Überführung von Lausanne ins südfranzösische Lascaux selbst ans Lenkrad eines Leichenwagens setzt, bringt ihn ein Unfall mit dem Kurierfahrer zusammen. Während der Geschäftsmann die Sache schnell als erledigt ansieht, versteht Igor die Begegnung als schicksalhaften Auftrag zum Aufbau einer besonderen Beziehung. Louis ist pikiert von Igors direkter Art und geniert von der Aufmerksamkeit, die dessen körperliche und verbale Spasmen im Restaurant und anderswo bewirken, macht aber notgedrungen mit.

Stationen auf dem Weg der Annäherung sind ein Junggesellinnenabend in Montpellier und eine Nacht im Hotel mit Prostituiertenbesuch. Dabei gewinnt Igor viele Herzen und einiges an Selbstbewusstsein und verliert spätestens im dunklen Beerdigungsanzug auch seine Markierung als bunter Hund. Und Louis öffnet sein Herz nach und nach gleich in mehrfacher Hinsicht. 

Jenseits der Affinität zu anderen französischen Buddy-Filmen liegen in der morbiden Motivik des Films samt Leichenwagen auch Assoziationen zu »Harold and Maude« nahe. Und wie Harold muss sich auch Igor von einer überbehütend dominanten Mutter emanzipieren, die ihn mit Hilfe von Louis' Sekretärin fast bis ans Ziel der Reise verfolgt. Im Unterschied zu dem Kultfilm von 1971 aber ist hier auch das gesamte Frauenbild irritierend rückwärtsgewandt. So bleibt als größte Stärke des ohne große Überraschungsmomente erzählten Feelgood-Films die eindrückliche und authentische Filmfigur des Igor, deren persönlicher Ausdruck in der deutschen Fassung allerdings stark durch die Synchronisation überdeckt wird.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt