Kritik zu Glue

© Salzgeber

Eine kunstvolle Adoleszenzgeschichte aus der patagonischen Steppe, die Filmpreise von Rotterdam über Nantes bis San Francisco abräumte und wie ein fernes Echo von 1968 und Nouvelle Vague daherkommt

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Es soll, es muss sein. Diesen Sommer. Am besten jetzt gleich. Lucas ist längst so weit. In seiner Punkband singt der 15-Jährige die dreckigsten Texte und mit seinem besten Freund Nacho, der zu seinem Bedauern viel mehr Haare an den Beinen hat als er selbst, redet er über Frauen wie der Bäcker übers Mehl. Es geht nicht um das eine große, edle Gefühl. Es geht um die Erfüllung einer gigantischen Spekulation. Um den eigenen unerfahrenen Körper, der es endlich wissen will, wie das ist, wenn ihn ein anderer umschlingt, wenn es kein Halten mehr gibt und die große Ungeheuerlichkeit stattfindet, um die die Erwachsenenwelt so ein Tamtam macht. Eine Ungeheuerlichkeit, die auch Lucas’ Mutter in eine Furie verwandelt, die mit wirrem Haar und verheulten Augen sich den Weg durch fremde Vorgärten bricht, um eine Nebenbuhlerin zu verprügeln. Eine Ungeheuerlichkeit, die man dem kleinlauten Vater auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde.

»Ich halte diese Unsicherheit nicht mehr aus«, gibt der 15-jährige Lucas in einer Art Super-8-Tagebuch zu Protokoll und dreht sich mit geschlossenen Augen und krachender Musik in den Ohren um die eigene Achse. Im Universum der Pubertät verlaufen nun einmal alle Rotationen egozentrisch. Der Rest der Welt ist öd und leer – »man kann auch mit Eltern eine Waise sein, wenn man nichts mit ihnen gemein hat.« Öd und leer wie auch unendliche patagonische Steppe, die Lucas' namenlos bleibendes Heimatörtchen umgibt.

»Glue«, das Debüt von Alexis Dos Santos, der wie die meisten anderen Regisseure und Regisseurinnen des jungen argentinischen Kinos an der Universidad del Cine in Buenos Aires studiert hat, ist ein wunderschöner Film über die Phantasmen der Pubertät und ihren virtuosen Weltschmerz. Wenn er den blassen Vater zeigt, der Lucas nach einer durchgeschnüffelten Nacht aufliest, und wie er seinem Sohn liebevoll die verklebten Hände säubert. Oder wenn er Andrea, das dünne, bebrillte Mädchen aus der Nachbarschaft, ihre Sehnsucht direkt in die Kamera artikulieren lässt und sie beim Zungenkuss mit dem Duschvorhang beobachtet. Dann rückt der Film in kunstvoller Beiläufigkeit auch die unterschiedlichsten sozialen Aspekte ins Bild, erzählt von einem trotz aller Tradition doch reformierbaren Machismo und einer trotz allen lärmenden Mackertums doch unaufhaltsam voranschreitenden Autonomie der Frau. Immer wieder lässt er die Kamera aus der Handlung ausscheren, lässt sie mit der Gedankenwelt der Jugendlichen driften und sich in schönen Nebeneffekten verfangen. Wie dem unaufhörlichen patagonischen Wind, der verschiedenen Sagen nach den Menschen den Verstand mürbe macht und den Protagonisten in »Glue« beständig über den Kopf streicht.

Das alles macht aus »Glue« weit mehr als nur ein harmloses Coming-of-Age-Filmchen. Der Film ist die versponnen-adoleszente Bestandsaufnahme eines Landes, das nach etlichen Unabhängigkeitskriegen, Militärdiktatur und Amnestieskandalen immer noch – wie seine Helden – nach einer modernen, erwachsenen Identität sucht.

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