Kritik zu Gegen den Strom

© Pandora Film Verleih

Benedikt Erlingsson (»Von Menschen und Pferden«) erzählt in seinem neuen Film von einer militanten, im Geheimen agierenden Umweltaktivistin, deren Antrag auf Adoption eines Waisenkinds spät noch nachgegeben wird

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Mit Pfeil und Bogen unterbricht Halla die Stromversorgung für die Aluminiumschmelzhütte. Sie schießt ein Metallseil über die Hochspannungsleitungen und provoziert damit einen Kurzschluss. Dann flüchtet sie vor der Polizei über die Weiten der isländischen Heide, versteckt sich unter Hecken und in Felsspalten. Halla ist nicht nur die Hauptprotagonistin, sondern tatsächlich eine Heldin in Benedikt Erlingssons neuem Spielfilm »Gegen den Strom«, dessen Titel Programm ist für das Leben dieser Frau: Stark und für sich wertekonform agierend, sportlich, unabhängig, auf stille Art attraktiv wirkt die Umweltaktivistin Halla, die ohne Männer lebt und dabei nichts zu vermissen scheint. In dieser Figur feiert der Regisseur den Mythos der modernen Kriegerin, die Mutter Erde retten will, eine Amazone unserer Zeit. In Halla kehrt aber auch die antike Artemis wieder, Göttin der Jagd, des Waldes und des Mondes sowie ­Hüterin der Frauen und Kinder.

Dabei würde niemand der unauffälligen Neunundvierzigjährigen diese Guerilla-Akte zutrauen. Ganz unspektakulär leitet sie einen Chor, doch in ihrem geheimen Zweitleben will sie »Verbrechen stoppen« gegen die Natur und damit gegen die Nachgeborenen. In den Medien wird Halla »die Bergfrau« genannt. Die Kamera von Bergsteinn Björgúlfsson verbeugt sich quasi vor dieser Frauenfigur, deren Perspektive den ganzen Film hindurch gewahrt bleibt und die von Halldóra Geirharðsdóttir mit entwaffnender Selbstverständlichkeit verkörpert wird, dies in einer Doppelrolle – sie spielt gleichzeitig Hallas Schwester Asa. Deren durchaus feministische Solidarität ist gefragt, als Hallas Wunsch, ein Kind zu adoptieren, vier Jahre nach der Antragstellung unerwartet bewilligt wird, die Aktivistin aber gleichzeitig in die Fänge der Sicherheitsbehörden gerät.

Man fragt sich als Zuschauer schon sehr, wie der Regisseur am Ende wohl aus diesem Film herauskommt. Aus der heiklen Kon­stellation Guerillakampf und anstehende Mutterschaft macht Benedikt Erlingsson, der bereits mit seinem Spielfilmdebüt »Von Menschen und Pferden« (2013) international Aufmerksamkeit erregte, indes kein Drama. Vielmehr ist »Gegen den Strom« ein clever rhythmisierter und durch surreale und komische Elemente strukturierter Film. So gerät immer wieder ein gänzlich unschuldiger lateinamerikanischer Tourist in Verdacht, die »Sabotageakte« gegen die Industrie begangen zu haben, und als Halla Hilfe von einem stark rundlichen, »vermutlichen« Cousin dritten Grades erhält, weist sie dessen sachtes Angebot einer möglichen Familiengründung so freundlich wie ­entschieden zurück. Der visuell sensationellen isländischen Landschaft ist selbstredend eine eigene Hauptrolle zugewiesen. Und auch der Musik (Davið Þór Jónsson) kommt besondere Bedeutung zu: Eine dreiköpfige Band (die Männer spielen Akkordeon, Klavier, Tuba, Schlagzeug) und ein ukrainisches Frauengesangstrio markieren die Szenen nicht nur tonal; so treten die Männer mitunter kurz in die Handlung ein, während die drei Frauen in Volkstracht indirekt auf globale Verkettungen verweisen. Immer wenn diese Musiker auftreten, setzt der Filmemacher die betreffende Szene gewissermaßen in Anführungszeichen.

Fragen des Umweltschutzes und Überwachungsstaats, Terrorismus, Klimakata­strophe, Natur und Musik als vorsprachliche Phänomene, matriarchale Lebensformen, Krimihandlung und Action: Wenn man das Kino verlässt, ist man überrascht von der scheinbar mühelos erreichten Komplexität dieser nur 101 Minuten langen Regiearbeit.

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