Kritik zu Finding Vivian Maier

© NFP

2013
Original-Titel: 
Finding Vivian Maier
Filmstart in Deutschland: 
26.06.2014
V: 
L: 
83 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Es war John Maloof, der vor wenigen Jahren einen Haufen Negative ersteigerte und so auf die Spur einer großartigen, bis dahin unbekannten und unveröffentlichten Fotografin kam. Nun hat er einen Film über sie und den schwierigen Weg ihrer Entdeckung gemacht

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.75
3.8 (Stimmen: 4)

Ein ganzes Leben akribisch in Kisten verpackt. Als Vivian Maier 2009 im Alter von 83 Jahren starb, hinterließ sie der Nachwelt einen Raum vollgestopft mit Erinnerungsstücken: Briefe, Rechnungen, Negative, Abzüge, Filmrollen, dazu Koffer voller Kleidung und Nippes. »Miss Maier war ein Messie«, heißt es an einer Stelle in John Maloofs Dokumentation Finding Vivian Maier. Der amerikanische Filmemacher war zwei Jahre vor ihrem Tod zufällig auf Maiers chaotische Besitztümer gestoßen. 2007 ersteigerte er einen Karton mit Negativen aus den 50er und 60er Jahren, Teil einer umfangreichen Sammlung aus einem geräumten Mietlager. Maloof hatte gehofft, unter den Bildern unbekannter Herkunft historische Aufnahmen von Chicago zu finden. Er wurde enttäuscht. Die Fotos stellten sich bei näherer Prüfung jedoch als Fenster in ein damals kaum dokumentiertes Milieu heraus. Sie zeigen einfache Menschen in Alltagssituationen: afro-amerikanische Familien, Kinder, Obdachlose, Arbeiter, festgehalten mit einem dokumentarischen, gleichzeitig empathischen Blick.

Maloof scannte einige der Negative und stellte sie ins Internet. Die Resonanz war so überwältigend, dass er daraufhin weitere Recherchen über die Fotografin anstellte. Als er das erste Mal Vivian Maier googelte, erzählt Maloof in seiner Dokumentation, ergab die Suche null Treffer. Wer den Namen heute bei Google eingibt, bekommt über zehn Millionen Suchergebnisse angezeigt. Vivian Maier erlangte dank Maloofs Blog über Nacht Berühmtheit. Mittlerweile wurden ihre Fotografien in New York, Paris, London und Moskau ausgestellt. Wäre ihr Werk bereits in den 60er Jahren entdeckt worden, würde sie heute wahrscheinlich zu den prägenden Künstlerinnen der Straßenfotografie zählen. Doch Vivian Maier starb einsam und verwahrlost, ihren letzten Nachbarn blieb sie als absonderliche Einsiedlerin in Erinnerung. Ihre Fotografien haben bis zu ihrem Tod nur eine Handvoll Leute zu Gesicht bekommen, viele Filmrollen wurden später unentwickelt in Kisten entdeckt. Wer Maier, die nie ohne ihre Rolleiflex um den Hals aus dem Haus ging, kannte, hat die Fotografie stets für ihr Hobby gehalten.

Nun ist die Kunstgeschichte voller Künstler, denen zu Lebzeiten die verdiente Annerkennung verwehrt wurde. Maier ist jedoch ein Sonderfall, und dieser Punkt hat Maloof bei seinen Nachforschungen, die ihn bis in ein französisches Bergdorf führten, am meisten beschäftigt. Sie war kein weltfremder Sonderling, sie litt auch nicht unter klinischen Depressionen oder mentalen Störungen wie viele sogenannte outsider artists. Vivian Maier arbeitete fünfzehn Jahre in Chicago als Kindermädchen. In einigen Amateurfilmen ist sie zu sehen, wie sie Passanten auf der Straße interviewt. Die meisten ihrer ehemaligen Schützlinge beschreiben sie als kinderliebe, lebhafte Frau. Wieso aber führte sie ein Doppelleben als Kindermädchen und Künstlerin? Oder hatte sie sich nie als Künstlerin gesehen?

Finding Vivian Maier ist weniger eine Künstlerbiografie als eine Reflexion über das Selbstverständnis einer Künstlerin wider Willen. Aus Gesprächen mit Bekannten, Fachleuten und ihren längst erwachsenen Pflegekindern ergibt sich ein etwas anderes Bild von Vivian Maier, als ihre künstlerischen Arbeiten vermuten lassen. Diesen Widerspruch kann auch Maloof nicht auflösen.

Ebenso offen bleibt der Vorwurf einer möglichen »dunklen Seite« Maiers, wie einige Pflegekinder ihre mitunter aggressiven Frustrationen nennen. So sind ihre Fotografien die einzigen verbindlichen Zeugnisse. Finding Vivian Maier fügt ein Puzzle zusammen, in dem am Ende wichtige Teile fehlen. Für Vivian Maier war die Kunst möglicherweise nur ein Selbstzweck, keine Selbstverwirklichung. Dass sie dennoch über das Talent verfügte, in Alltagssituationen Wahrhaftigkeit zu entdecken, wäre demnach in erster Linie ein Glücksfall für die Nachwelt.

 

Interview mit Regisseur John Maloof über seinen Film Finding Vivian Maier

Sie haben einmal erzählt, dass Museen, die Sie um Unterstützung für die Realisierung des Films baten, ablehnten. Haben sie dafür Begründungen gegeben?

Ich habe Sie weniger um Geldmittel gebeten als um Hilfe, um Ideen, ob sie interessiert wären, die Bilder zu erwerben, damit sie sie ausstellen und archivieren können. Die wenigsten gaben Gründe an, einige sind der Auffassung, dass Negative keine fertigen Produkte sind, und das sei nicht ihre Aufgabe, aus den Negativen Bilder herzustellen. Von vielen Fotos gab es keine Kontaktabzüge, sie wussten also nicht, wie die Fotos aussehen würden. Wenn man Kontaktabzüge macht, dann macht man normalerweise Notizen, was man daraus machen will, das gab es bei Vivian Maier nicht.

Haben Sie schlussendlich Leute gefunden, die Ihnen Geld für die Arbeit an dem Film gaben?

Nein. Aus diesem Grunde mussten wir Prints verkaufen. Die ersten drei Jahre bezahlte ich alles aus meiner eigenen Tasche und lief gegen eine Wand. Lange Zeit scannte ich die Fotos selber und machte dabei Fehler, denn die Namen der files waren nicht sehr präzise. Schließlich wurde mir klar, dass ich die Hilfe eines Profis dafür benötigte. Und das war sehr teuer.

Im Nachspann wird die Plattform Kickstarter erwähnt. Darüber haben Sie einen Teil des Budgets für den Film zusammenbekommen?

Ja, 2010 haben wir 105.000 Dollar darüber zusammengebracht.

Kamen Sie damit aus?

Nein, das war ungefähr die Hälfte, denn ich machte Fehler und die Ausgaben liefen aus dem Ruder. Der Rest des Geldes kam von mir und meinem Ko-Regisseur Charlie Siskel und dem Verkauf von Prints.

Eine Nennung hat auch Tim Roth: wie kamen Sie mit ihm zusammen?

Er hat ein großes Interesse an Fotografie, macht neben seiner Tätigkeit als Schauspieler auch selber welche. Er gab bei der Kickstarter-Kampagne einen substanziellen Betrag und organisierte die Galerie-Ausstellung in Los Angeles.

Sie haben erwähnt, dass Sie, nachdem Sie auf einer Auktion einen Koffer mit Fotos von Vivian Maier erworben hatten, sich bemühten, auch die anderen Koffer, die dort angeboten wurden, zu bekommen.

Die Auktion war Ende 2007, Mitte 2008 begann ich zu kaufen, das ging bis Ende 2009, denn es war gar nicht so leicht, alle ausfindig zu machen. Einige konnten wir nicht auffinden, erst als sie erneut zu einer Auktion kamen, wo das Auktionshaus sie und mich in Kontakt brachte.

Nachdem Vivian Maiers Name durch die ersten Ausstellungen bekannt wurde, sind da andere Leute an sie herangetreten und haben erklärt, sie hätten ebenfalls Fotos von ihr?

Nicht wirklich. Ich würde sagen. Ich habe ungefähr 90% des Materials erworben, einen Koffer konnte ich nicht ausfindig machen, einer tauchte in New York auf, als ich an dem Film arbeitete, den erwarb ein anderer Kunstsammler. Ein Mann verkaufte mir nur einen Teil, weil er merkte, dass Vivian Maier berühmt wird. 

Auf Ihrer Website erfährt man von den beiden Büchern. Planen Sie weitere?

Ja, der Verlag Harper Collins plant ein sehr großes Buch, eher akademisch mit einem großen Essay, für den der Verfasser das ganze Archiv durchgegangen ist. Das ist für Herbst dieses Jahr geplant.

Wie schwierig ist es für Sie, Vivian Maier loszulassen und sich anderen Themen zuzuwenden?

Das wird schwierig werden, ich weiß es, aber ich kann den Tag nicht abwarten, an dem es so weit ist. Inzwischen sind es sechs Jahre, die ich mich mit ihr beschäftige – ich will andere Filme machen, aber ich habe keine Eile.

Die Geschichte Vivian Maiers klingt so, dass man sich gut vorstellen kann, irgendwann wird sie zu einem Spielfilm verarbeitet werden…

Das passiert schon. Christine Vachon, die mit ihrer Firma Killer Films u.a. „American Psycho“ produziert hat, hat die Spielfilmrechte in Toronto erworben.

Haben andere Journalisten Vivian Maiers Geschichte aufgegriffen und vielleicht versucht herauszufinden, warum sie so zurückgezogen lebte. Denn das ist doch die Frage, die viele nach Ansicht des Films stellen.

Niemand hat das versucht, soweit ich weiß, Es ist einfach schwer, ich habe vier Jahre benötigt, um meinen jetzigen Wissenstand zu erarbeiten – und wir wissen noch immer nicht alle Antworten. Ich habe insgesamt 90 Menschen ausfindig gemacht, die Vivian Maier kannten und habe 40 davon interviewt, von denen vielleicht ein Dutzend im Film zu sehen sind. Aber wir haben immer noch kein vollständiges Bild, wohl aber einen besseren Sinn dafür, wer sie war.

Wenn Sie Vivian Maiers Arbeit mit der anderer Straßenfotografen vergleichen, wo liegt dann das Besondere bei ihr?

Ich bin nicht derjenige, der die ultimative Antwort auf die Frage geben kann, wer sie war. Aber ich denke, sie war sich sehr bewusst darüber, was vorging in der Welt der Fotografie, wer welche Art von Bildern machte. Und sie wusste, wie man mit einer Kamera arbeitet, was Lichtsetzung und Bildkomposition anbelangt. Ich glaube, in manchen ihrer Fotos war sie ihrer Zeit ein ganzes Stück voraus, etwa das Bild mit den beiden Jungs, das aussieht wie ein Foto von Diane Arbus - und das sie viele Jahre aufgenommen hat, bevor Diane Arbus solche Bilder machte. Ich glaube, sie hat nie versucht, einen spezifischen Stil zu entwickeln – sie fand Menschen interessant und es gelang ihr, diese gut oder auch pointiert ironisch im Bild festzuhalten.

Wie viele Fotos hat sie insgesamt hinterlassen?

Circa 450.000.

Und die sind alle gesichert?

Alles, was sich in meinem Besitz befindet, ist sicher und gekühlt aufbewahrt.

 

Das Interview führte Frank Arnold

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