Kritik zu Final Portrait

© Prokino

2017
Original-Titel: 
Final Portrait
Filmstart in Deutschland: 
03.08.2017
Musik: 
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Stanley Tucci porträtiert zwei Wochen im Leben des Bildhauers Alberto Giacometti und kreiert ein eindringliches Bild des Künstlers mit zwei herausragenden Hauptdarstellern

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Es ist die Kunst von Filmen, nicht nur schöne Bilder zu zeigen, die Geschichten erzählen, sondern vor allem auch, Gefühle zu erzeugen. Dann nämlich, wenn der Zuschauer mit den Figuren den Schmerz, das Unbehagen, die Freude spürt. Das kann quälend und dabei umso faszinierender sein. Stanley Tucci gelingt das in seinem Biopic »Final Portrait« über den Schweizer Bildhauer und Maler Alberto Giacometti (1901-1966). Es sind die lähmenden Zweifel, die quälende Zerrissenheit des Künstlers, die Tucci inszeniert und das ungewöhnliche Verhältnis zwischen dem alternden Giacometti und dem jungen Autor und Kunstliebhaber James Lord. Er war es, der Giacometti ursprünglich 1964 für ein paar Stunden in Paris Modell sitzen sollte, die zu mehr als zwei Wochen wurden. Während Giacometti das Porträt immer und immer wieder übermalt, erlebt Lord nicht nur die Entstehung eines Kunstwerkes am eigenen Körper, sondern auch den ungewöhnlichen Künstler in all seiner Zerrissenheit. Später wird Lord seine Giacometti-Biografie auf diese Erfahrungen stützen, die Tucci zur Basis nahm.

Eine weiß getünchte Galerie, ein großer Giacometti-Schriftzug – davor ein Mann in sich zusammengesunken sitzend. In Zeitlupe kommt ein junger Mann auf ihn zu, im Hintergrund sieht man Menschen vorbeischreiten. Es sind Giacometti (großartig und von frappierender Ähnlichkeit: Geoffrey Rush) und Long (Armie Hammer). Eine Kulisse, die im krassen Gegensatz zu Giacomettis Leben steht. Obwohl er schon Millionen mit seiner Kunst verdient, lebt er fast ärmlich in einem Hinterhofatelier, jeden Tag stellt er seinem Modell Long einen zerfledderten Korbstuhl hin, überall stehen die superdünnen Skulpturen herum, die ihn weltberühmt gemacht haben, Tonköpfe, eine Staffelei. Er selbst mit wuseligen Locken, meist eine Zigarette im Mund, die Hände von Farbe beschmiert. Und dann wieder ein krasser Gegensatz: der adrette New Yorker Long in beiger Hose, blauem Jackett und Krawatte, der wieder und wieder seinen Rückflug verschieben muss, weil Giacometti nicht fertig wird. »Es ist unmöglich, ein Porträt zu beenden, es ist nur ein Versuch«, sagt Giacometti gleich zu Beginn.

Die beiden entwickeln in dem Film eine ungewöhnliche Beziehung: nicht eng und doch vertraut. Sie sprechen über die Kunst und immer wieder ist es Giacometti, der mit seinen Fragen Long irritiert und fasziniert. »Wolltest du schon mal ein Baum sein?« »Wolltest du dich schon mal umbringen?« Bei aller verkopfter Grantelei zeigt Tucci so einen zwar zerrissenen aber doch sehr humorvollen, unkonventionellen Menschen.

Long lässt mit einer Engelsgeduld den Neurotiker walten und beflügelt so sein Schaffen. Irgendwann traut er sich dann doch, den Künstler mit seiner definitiven Heimreise am nächsten Tag zu konfrontieren. In den Augen Giacomettis ist das Porträt auch da längst nicht fertig, trotzdem lässt Long es in die USA verschiffen. Bis dahin war ein zähes Ringen – für den Künstler, das Modell und manchmal auch den Zuschauer. Das ist es wohl, was künstlerisches Schaffen ausmacht.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns