Kritik zu Fikkefuchs

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Geschlechterkampf als Mediensatire: Jan Henrik Stahlberg überschreitet in seinem provozierenden Low-Budget-Film erneut Grenzen. Nicht nur die des guten Geschmacks, sondern auch die der oft so aseptischen Filmproduktion

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Jan Henrik Stahlberg liebt die Provokation. Wenn er nicht den schüchtern Verliebten spielt, wie in der sanft ironischen Liebeskomödie »Märzmelodie« von Martin Walz und vielen anderen seiner TV- und Kinorollen, dreht er als Regisseur knallharte Filme, die in vielerlei Hinsicht Grenzen überschreiten. Gemeinsam mit seinem Freund Marcus Mittermeier, der auch bei »Fikkefuchs« beratend tätig war, drehte er die weltverbesserische Dokumentarsatire »Muxmäuschenstill«, den bitterbösen Low-Budget-Film »Bye Bye Berlusconi« und die Mediensatire »Short Cut to Hollywood«, die von einem geltungssüchtigen Musiker erzählte. Zwischen Guerilla-Marketing und provokant schwarzem Humor ist Jan Henrik Stahlberg als Regisseur zuhause. In seinem neuen Film geht es um den Geschlechterkrieg in einer durchsexualisierten Gesellschaft, die keine Tabus mehr kennt und Pornographie längst aus den Schmuddelecken befreit hat. In der digitalen Welt gibt es jedoch keine Verlockungen mehr, sondern nur noch unbefriedigte Wünsche. Da setzt »Fikkefuchs« an.

Fast mönchisch sieht die Hinterkopfglatze aus, die aus den verwuschelten Haaren hervorleuchtet, abgetragen sind seine Klamotten und einen hechelnden Hund hat er auch. Richard Ockel, genannt Rocky, war früher als der »größte Stecher von Wuppertal« bekannt. Heute ist der 49-jährige alleinstehende Grafiker nur noch ein Schatten seiner selbst. Sehnsüchtig, notgeil und todgeweiht, denn sein Prostatakrebs ist weit fortgeschritten. Jan Henrik Stahlberg spielt diesen Rocky bravourös, man möchte ihm nicht auf der Straße begegnen. Als er überraschend Besuch von seinem Sohn Thorben (Franz Rogowski) bekommt, von dem er gar nichts wusste, ziehen beide los, um endlich eine Frau zu finden. Das Thorben wegen versuchter Vergewaltigung in der Psychiatrie saß, weiß Rocky nicht. Ebenso wenig, dass die Frau, die er schließlich nach einem obskuren Flirtseminar kennenlernt, eine bezahlte Prostituierte ist. Das bittere Ende wird er nicht mehr erleben.

Mit wenigen, dafür aber umso drastischeren Bildern zeigt Stahlberg die Kehrseite der Welt, in der alles mit Sex in Verbindung gebracht werden kann. Die Welt vor dem Bildschirm ist ebenso banal und blass wie die virtuelle und eine wirkliche Befriedigung kann im Übermaß des Konsums gar nicht mehr stattfinden. Gefühl und Verstand setzen gleichermaßen aus, aber der erlebte Sex ist auch nicht mehr als eine unbekleidete Turnübung mit Hindernissen. Und dass Stahlberg hier mit Ekel und Abscheu arbeitet, ist die einzige Chance, über seinen Gegenstand hinauszugehen. Und selbst der Witz, immer wieder von hinten in die Szene geholt, ist derart gallig, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Kein schöner Film also, aber einer, der deutlich macht, was bei einer tabulosen Kombination aus Sex und Medien herauskommen kann. Die Teilnehmer des Flirtseminars zumindest sind keine Freaks, sondern arme Sehnsüchtige, wie man sie in jeder Eckkneipe findet. Und nur ein Schelm kann sich selbst davon ausnehmen.

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