Kritik zu The Fighter

© Senator/Wild Bunch

Ein Film wie sein Plot: Als Underdog stieß David O. Russells eine wahre Geschichte erzählender Boxerfilm zum Oscarrennen, wo er bald schwergewichtige Konkurrenten wie »True Grit« ausschaltete

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Solche Geschichten liebt das Publikum im Kino, jedenfalls das amerikanische: von Menschen, die von ziemlich weit unten kommen und es bis ganz nach oben schaffen, dank ihres ungebrochenen Willens, dank ihrer Fähigkeit, Niederlagen einzustecken und trotzdem nicht aufzugeben. Sportfilme sind das klassische Genre für solche Geschichten, und manchmal entwickeln sich daraus fortsetzungsfähige Kinomythen, siehe »Rocky«.

Manchmal sind es aber auch wahre Geschichten, die hier erzählt werden und durch diese Form der medialen Verarbeitung ein großes Publikum erreichen. Mark Wahlberg, der Titeldarsteller von »The Fighter«, müsste bei diesem Film und dieser Rolle eigentlich ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt haben, denn 2006 spielte er die Hauptrolle in dem Film »Invincible« (Unbesiegbar – Der Traum seines Lebens). Der erzählte die Geschichte von Vince Papale, einem dreißigjährigen Barkeeper aus South Philadelphia, aufgewachsen in einem Milieu, das kaum Chancen bot, der aber dennoch in den 70er Jahren Karriere als Footballspieler machte.

In »The Fighter« verkörpert Wahlberg Micky Ward, der in Lowell, einer verfallenden Arbeitersiedlung in der Nähe von Boston, lebt. Sein älterer Halbbruder Dicky hatte einst einigen Erfolg als Boxer und erlebte seinen größten Triumph, als er Sugar Ray Leonard besiegte. Aber hat er ihn wirklich besiegt, damals im Ring? War es nicht vielmehr so, dass der einfach ausgerutscht war?

Während Dicky noch von einem Comeback träumt, versucht sich Micky unter den Fittichen von Dicky (als seinem Trainer) und seiner Mutter (als seiner Managerin) selber als Boxer, von seinem eigenen Talent ist er allerdings nicht so richtig überzeugt. Als er bei einem Kampf gegen einen Überraschungsgegner aus einer ganz anderen Gewichtsklasse antreten muss, wird er von dem schwereren Kontrahenten übel zugerichtet. Danach mag er in Lowell niemandem mehr unter die Augen treten, schon gar nicht der Kellnerin Charlene (Amy Adams), die er kurz zuvor in einer Kneipe angesprochen hatte. Aber Charlene weiß, was sie will, sie wird von sich aus aktiv und gerät damit in Konflikt mit Mickys Familie, die bislang die beruflichen Entscheidungen für ihn getroffen hat.

Es ist eine ziemlich dysfunktionale Familie: Vater George hat akzeptiert, dass seine Frau das Sagen hat, während das halbe Dutzend Schwestern mit hochgekämmten blonden Mähnen den missgünstigen Chor gibt. Die Mutter verschließt die Augen vor der Drogensucht von Dicky, der wiederum verweist stolz auf das ihn begleitende Fernsehteam: Die drehen einen Film über ihn – über seine einstigen Erfolge als Boxer und über sein bevorstehendes Comeback. Das eine stimmt, das andere nicht, das weiß der Zuschauer spätestens, als der Titel der Dokumentation auf dem Bildschirm erscheint: »Crack in America«..

Die Ausstrahlung der Dokumentation wird zu einem bitteren Moment der Erkenntnis. Danach nimmt Micky das Training wieder auf, während auch Dicky seine zweite Chance bekommt – und sie nutzt. Gerade aus dem Knast entlassen, überwindet er erstaunlich schnell die Verletzung, dass sein Bruder ihn nicht mehr als Trainer dabeihaben will. Eine eindrucksvolle Sequenz, gerade weil in ihr alles offen ist, zeigt seinen Gang durch die Straßen der alten Nachbarschaft, den Stopp vor dem Crackhaus – und seinen endgültigen Abschied davon. Stattdessen geht er weiter zu Charlene und bleibt auch dann hartnäckig, als die sich weigert, mit ihm zu reden. Spätestens da ahnt der Zuschauer, dass diese Geschichte ein Happy End haben wird. Eben wie im richtigen Leben, was der Film – gedreht in Lowell, Mickys Trainer Mickey spielt sich ebenso selber wie Sugar Ray Leonard – noch einmal unterstreicht, wenn er während des Nachspanns die echten Brüder im Bild zeigt.

»The Fighter« erzählt eine altbekannte Geschichte, aber er besitzt genug eigenständiges Profil, um auch jene Zuschauer zu interessieren, die nicht unbedingt Fans des Genres sind. Im Vordergrund steht die Familiengeschichte, die Boxsequenzen sind vergleichsweise knapp gehalten. Spannend ist, dass der Prozess der Loslösung von der eigenen Familie (der notwenig ist, damit aus Micky ein erfolgreicher Boxer werden kann) am Ende doch seine Ambivalenz enthüllt, denn im entscheidenden Kampf scheint Mickys Taktik nicht aufzugehen, seine defensive Haltung verblüfft alle, der Ringrichter droht sogar mit Abbruch des Kampfes, Panik bricht aus bei Mickys Mutter und dem Rest der Familie. Den klarsten Kopf behält in dieser Situation ausgerechnet Dicky, der im Gefängnis das Geschehen mitverfolgt und Tipps per Telefon gibt. Erst als Micky die Ratschläge seines Bruders beherzigt, gewinnt er den Kampf doch noch.

Die Oscarauszeichnungen für Melissa Leo (die die Mutter spielt) und Christian Bale (der Dicky verkörpert) unterstreichen die Andersartigkeit des Films. Gegenüber diesen kraftvoll gezeichneten Nebenfiguren wirkt Micky als zentrale Hauptfigur leider ungewöhnlich blass.

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