Kritik zu Fassaden

© Rotzfrech Cinema

2025
Original-Titel: 
Fassaden
Filmstart in Deutschland: 
12.02.2026
L: 
87 Min
FSK: 
12

Die Dokumentarfilmerin Alina Cyranek schneidet Erfahrungsberichte und Expertenaussagen zum Thema häusliche Gewalt zu einem nach außen hin kühlen, inhaltlich aber explosiven Filmessay zusammen.

Bewertung: 4
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Warum hat sie sich diesen Mann überhaupt ausgesucht? Diese Frage müssen Frauen, die von ihren Ehemännern misshandelt werden, auf direkte oder indirekte Weise oft beantworten. Im Familiengericht, so erzählt eine Rechtsanwältin in Alina Cyraneks aufschlussreichem Dokumentarfilm, spreche man immer mal wieder vom »Auswahlverschulden« der Frau. Es ist längst nicht das einzige gruselige Detail, das man aus Fassaden erfährt.

Dabei setzt Cyranek in ihrer filmischen Auseinandersetzung mit dem Thema häusliche Gewalt in keiner Weise auf Emotionalisierung. Im Gegenteil, alles an diesem Film scheint von Zurückhaltung und Sachlichkeit geprägt. An keiner Stelle wird es laut, in keinem Bild wird Gewalt inszeniert oder werden Verletzungen in drastischer Weise vorgeführt. Die nüchterne Kälte des Tons lässt die Erläuterungen umso stärker wirken.

Der Aufbau ist von angenehmer Geradlinigkeit: Es gibt den von Sandra Hüller aus dem Off gesprochenen Erfahrungsbericht einer Frau, der laut Credits aus mehreren realen Berichten zusammengesetzt wurde. Es ist ein typischer Fall: Die Frau erzählt vom Kennenlernen, von stürmischen Liebeserklärungen, vom Zusammenleben und von den ersten Warnzeichen, die sie erst im Nachhinein wahrnahm. »Ich sollte meine Freundinnen nicht mehr so oft sehen.« Dann folgt auf ein geringfügiges »Vergehen« wie einen vergessenen Einkauf ein Schlag. Aber danach auch eine inständige Entschuldigung. Und dann erneutes Schlagen. Und im Umfeld gibt es keinen mehr, dem sie davon erzählen könnte.

Als Illustration dazu dienen Aufnahmen einer Bühnen-Blackbox, auf der die Performer Gesa Volland und Damian Gmür die sich verlagernden Kraftverhältnisse einer intimen Beziehung künstlerisch als modernen Tanz interpretieren. Dass es diese Art von ästhetischer Überhöhung nicht immer gebraucht hätte, belegt Cyranek an anderer Stelle, wo sie Hüllers Stimme mit Aufnahmen einer Familienhausfassade unterlegt. Die Suggestion, dass man dem Außen nie ansieht, was drinnen vor sich geht, wirkt fast eindrücklicher als die Tanzperformance.

Der wahre Trumpf von Cyraneks Dokumentarfilm aber sind die Interviews mit Sozialarbeiterinnen, Polizisten, Psychologinnen, Ärzten und Rechtsanwältinnen, die den Erfahrungsbericht immer wieder unterbrechen. Die Reihenfolge ihres Auftritts vollzieht die Kette der Zuständigkeiten nach. Die Aussagen sind von einer überwältigenden Klarheit und voller einschlägiger Details, die immer wieder auch Hilflosigkeit und Versagen benennen. Die Ärztin erzählt von der schwierigen Verantwortung, Frauen aus der Praxis zu entlassen, die Missbrauch bestreiten, obwohl ihre Körper etwas anderes anzeigen. Der Polizist berichtet, wie oft die geschlagenen Frauen die Partei des Mannes ergreifen, sobald sie auf den Plan treten. Die Sozialarbeiterin bekennt sich zur Wut über die häufige Gleichgültigkeit der Umgebung, die etwa bei muslimischen Frauen davon ausgeht, dass diese »es ja gewohnt seien«. Man erfährt viel, was man so genau vielleicht nie wissen wollte. Cyranek ist ein ungeheuer eindrücklicher, informativer und damit wichtiger Film gelungen.

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