Kritik zu Es kommt der Tag

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Wie weit darf man für seine Ideale gehen? Susanne Schneider stellt die Gretchenfrage der 68er-Bewegung in Form eines explosiven Mutter-Tochter-Duells, in dem Iris Berben gegen Katharina Schüttler antritt

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»Älter werde ich später«, titelte Iris Berben 2001 ein Buch über die Geheimnisse ihrer Schönheit. 51 war sie damals und wurde von den Medien gerne die »erotischste Frau Deutschlands« genannt. Das war jahrzehntelang ihr Nimbus; laut einer Umfrage träumt jeder vierte deutsche Mann von einer Nacht mit ihr. Wenn die Schauspielerin in »Es kommt der Tag« ihr Gesicht nun scheinbar ungeschminkt der Kamera darbietet und deutlich gealtert aussieht, ist das ein mutiger und radikaler Schritt. Die Frau, die sie in Susanne Schneiders Film verkörpert, hat ein Leben gelebt, das Spuren hinterlassen hat, und das soll man erkennen. Wie Iris Berben hier schauspielerische Hingabe über weibliche Eitelkeit stellt, ist unbedingt sehenswert.

»Es kommt der Tag« ist der erste Kinofilm von Susanne Schneider, die als Drehbuchautorin unter anderem Nico Hoffmanns »Solo für Klarinette« geschrieben hat. In ihrem Kinoregiedebüt vertraut sie ganz ihren beiden Hauptdarstellerinnen, deren leidenschaftliches Spiel der arg konstruierten Geschichte Leben einhaucht. Katharina Schüttler als Iris Berbens Filmtochter und Gegenspielerin Alice spielt mit der gleichen verzweifelt-destruktiven Energie, die sie schon in »Sophie!!!!« (2002) gezeigt hatte. Mit maximalem Pathos sinniert sie zu Beginn über den Strom der Zeit nach, den man nicht umkehren könne, dabei rast sie mit dem Auto durch einen Tunnel. Alice ist unterwegs zu ihrer Mutter, die sie als Kleinkind zu Pflegeeltern gegeben hatte – als Racheengel. Mit dem reinen Pathos der Jugend fordert sie von der Mutter Sühne.

Diese lebt unter dem (falschen) Namen Judith mit ihrem Mann und zwei halbwüchsigen Kindern auf einem idyllischen Weingut im Elsass. Judith, die damals Jutta hieß, hatte ihre Tochter weggegeben, um als Terroristin in den Untergrund zu gehen. Ihre neue Familie weiß nichts von diesem »ersten Leben«. Mit häuslichem Terror versucht Alice, ihre Mutter zu einem Geständnis zu bewegen.

Von Anfang an gibt der Film ein bisschen zu viel Gas; die Heftigkeit von Alices Gefühlen lenkt von den Abgründen der Geschichte eher ab. Dass sie eine Nervensäge ist und ihre Attacken auf ihre Mutter auch dem Zuschauer Geduld abverlangen, hilft andererseits, das Mitgefühl für Opfer und Täterin in der Balance zu halten: In ihrem idealistischen Eifer ist die Tochter der Mutter ähnlicher, als ihr lieb sein kann. Weil Iris Berben die Ex- Terroristin spielt, hat diese einen großen Sympathiebonus: Ist Judiths Verbrechen nicht längst verjährt? Man möchte Judith ihre »Jugendsünden« verzeihen, deren eigene Unfähigkeit, ihre Schuld auch nur zu sehen, aber stößt ab. Iris Berben verblüfft mit Momenten der Härte, die die Ex-Terroristin schlagartig glaubhaft erscheinen lassen.

Wie weit darf man für seine Ideale gehen? Wie kann die Folgegeneration mit diesen Idealisten umgehen, die zu Mördern geworden sind? Susanne Schneider verweigert eindeutige Antworten. Was eine Schuld wie die von Judith mit den Schuldigen macht, zeigt sie in Iris Berbens Gesicht, die mit ihrem Mut und ihrer Schonungslosigkeit den Film endgültig zu ihrem Film macht. »Wie sehe ich aus?«, fragt sie.

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