Kritik zu Erich Mielke – Meister der Angst

© Polyband

2015
Original-Titel: 
Erich Mielke – Meister der Angst
Filmstart in Deutschland: 
05.11.2015
L: 
95 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Deutscher Geschichtsfilm gegen Erich Mielke: Jens Becker und Maarten van der Duin versuchen mit Archivmaterial und Reenactment, der Figur des verstorbenen Stasichefs habhaft zu werden

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Weil Erich Mielke aktuell keine Konjunktur hat, könnte man auch sagen, er hat immer Konjunktur. In jedem Fall organisieren ein Dokumentarfilm und ein biografisches Begleitbuch (mit dem etwas irreführenden, weil von Birgit Rasche und Filmproduzent Gunnar Dedio verfassten Titel »Ich. Erich Mielke«) in diesem Herbst etwas Aufmerksamkeit für den einstigen Chef der DDR-Staatssicherheit. Der Film, der aus fördertechnischen Gründen auch ins Kino kommt, trägt derweil den Titel »Erich Mielke – Meister der Angst«. Das deutet an, wie es um die historische Seriosität des Films bestellt ist: nicht gut. Unter dem Fantasietitel »Meister der Angst« würde man eher den Gegner in einem voraufgeklärten Fantasy-Grusel-Spiel vermuten als eine Person der deutschen Zeitgeschichte.

Die Entsprechung des Grusels im Film sind die eingefügten Spielszenen, die Jens Becker inszeniert hat; die dokumentarischen Anteile stammen von Maarten van der Duin, beide zusammen haben das Drehbuch verfasst, Sachbuchautor Dedio fungiert als Produzent. Imaginiert wird durch die nachgestellten Bilder der zweifellos interessante Moment 1991, da der einst mächtige Mielke selbst im Gefängnis sitzt und auf seinen Prozess wartet. Schauspieler Kaspar Eichel gibt einen Rentner mit Hut und Stock, Hornbrille und Puschen. Die Szenen im Gefängnis sind insofern besonders, als sie ihre eigene mediale Funktion noch einmal kommentieren, da Mielke von einer Psychologin (Beate Laaß) befragt wird. Auf diese Weise sitzt der gefürchtete Stasichef vor dem Publikum quasi auf der Couch, um Auskunft über sein Innerstes zu geben. Ins Reden kommt der Mielke begleitet von dem schalen Witz, den eine solche Anordnung ermöglicht: »In anderen Zeiten hätten Sie bei mir anfangen können.«

Im Laufe des Films wird die Psychologin (»Ich bin kein Richter und kein Anwalt«) gar überflüssig, weil Mielke direkt in die Kamera beichtet. Zu Beginn schaut diese den Verschüchterten von oben an, in der Steigerung erinnert sich der nachgespielte Stasichef zu einem gepflegten Kunstregen vorm Zellenfenster an seine Begegnung mit Stalin. Höhepunkt der Mimikry ist aber ein Alptraum, den Mielke erleidet und der zeigt, was passiert, wenn die Fiktionalisierung von zu viel Dokumentarmaterial belästigt wird.

In seinen dokumentarischen Passagen ist, vor allem was die Kindheit und das Heranwachsen Mielkes betrifft, der Film bisweilen nicht uninteressant. Für das Psychogramm, das er gern wäre, mangelt es aber an Auskunftgebern aus Mielkes Nähe; systemisch ist Mielke allein der Ex-KGB-General Nikolai Leonow verbunden. Selbst diese Schwäche aber wäre kein Grund für den bauerntheaterhaften Exorzismus, auf den der Film hinausläuft. »Ihr Urteil vor Gericht muss erst noch verhandelt werden, aber ihr Urteil vor der Geschichte, das ist wohl abgemachte Sache, dafür haben sie selbst gesorgt«, bescheidet die Psychologin, die doch keine Richterin sein wollte, zum Schluss. Und verweigert Mielke den finalen Handschlag. So viel Strafe muss sein in der Fantasie des öffentlich-rechtlichen Geschichtsfilms.

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