Kritik zu Eine Familie

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Pernille Fischer Christensen, die 2006 auf der Berlinale für ihre Frauenfreundschafts-Tragikomödie »En Soap« den Silbernen Bären verliehen bekam, zeigt in ihrem neuen Werk den Tod eines Traditionsbäckers und das Schicksal seiner Lieblingstochter dazu

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Der Chef einer Traditionsfirma ist todkrank, doch seine potenzielle Nachfolgerin hat andere Karrierepläne als die Übernahme des Betriebs: So lässt sich der Anfangskonflikt dieses dänischen Dramas zusammenfassen. Nach der Hälfte jedoch werden diese gewichtigen Fragen einfach ignoriert und stattdessen das Familienoberhaupt beim qualvollen Sterben gezeigt. Das Drama von Pernille Fischer Christensen schmeckt, um in der Metaphernwelt des Films zu bleiben, zuerst verheißungsvoll knusprig. Und dann wie mit Körnern überladene Brote, die furchtbar gesund aussehen und wie ein Stein im Magen liegen. So entfaltet eine Fotomontage im Vorspann liebevoll die Historie einer Traditionsbäckerei, die von Generation zu Generation den Sauerteig der Gründer aufgehen ließ und zu Lieferanten des königlichen Hofes aufgestiegen ist. Ditte, die Lieblingstochter von Firmenchef Rikard, ist Galeriebesitzerin und bekommt ein fantastisches Jobangebot in New York. Rikard, der eine Krebserkrankung überstanden glaubt, feiert Hochzeit mit seiner zweiten Frau Sanne.

Doch je behaglicher die großbürgerliche Kulisse, umso fieser das Schicksal: Auch dieser dänische Film erinnert an eine Bußpredigt für Leute, denen ihre Wohllebe irgendwie peinlich ist. Anders jedoch als zum Beispiel in Susanne Biers Dramen wirken die Konflikte und ihre zeitliche Verschränkung verquast, obwohl mit Close-Ups und langen Einstellungen, die jeden Augenring ausleuchten, Tiefsinn angetäuscht wird. Dabei drückt sich die Regisseurin um jene klischeehaften Familien- und Machtkonflikte à la »Dallas«, die es in der Realität aber tatsächlich oft gibt. Lieber zeichnet sie ausführlich das Gekuschel zwischen Ditte und ihrem Künstler-Freund, das den dogmahaften cinema verité-Touch besitzt und dennoch übertrieben harmonisch wirkt. Als ob sie ihrer Inszenierung nicht trauen würde, legt sie über viele auch tragische Szenen verträumte Popmusik.

»Elliptisch« mag man das Aussparen von Informationen nicht nennen, eher hilflos. Wieso der vierfache Vater Rikard, zunächst als besonnener Mensch gezeigt, sich nicht um die Nachfolge gekümmert hat, bleibt ebenso offen wie die Beziehungen der Geschwister. Und wir wollen doch nicht hoffen, dass Dittes Trauer über ihr ungeborenes Kind – recht penetrant wird ihre Abtreibung ausgemalt, die sie zugunsten des schließlich doch nicht angetretenen Superjobs vornimmt – und dann über den entfremdeten, siechenden Vater als Strafgericht gemeint ist. Die Identifikation mit den Charakteren wird besonders dadurch erschwert, dass ihre berufliche Erfüllung verbale Behauptung bleibt. Lebenssinn gibt bekanntlich das, was man gerne tut – doch Patriarch Rikard kann zwar schön reden über den ewigen Kampf zwischen Milchsäure- und Essigsäure-Bakterien, zwischen süß und sauer (der Hinweis auf die »zu süßen« amerikanischen Backwaren darf nicht fehlen); das Zeigen des handfesten Geschäftsalltags kriegt der Film aber nicht gebacken. Zugunsten eines wohlfeilen Leidensvoyeurismus drückt sich der Film um die Beantwortung fundamentaler Lebensfragen.

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