Kritik zu Eine dunkle Begierde

© Universal Pictures

David Cronenberg vollzieht in seinem auf Christopher Hamptons Theaterstück »The Talking Cure« basierenden Film die Dreiecksgeschichte zwischen C. G. Jung, Sigmund Freud und Sabina Spielrein nach

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Zunächst eine banal scheinende Beobachtung: Für einen Film, der das Adjektiv »dunkel« im Titel führt, erweist sich Eine dunk­le Begierde als überraschend hell. Tatsächlich gibt es vor allem Tageslichtaufnahmen. Da ist die idyllisch gelegene Klinik Burghölzli am Zürcher See, sonnenbeschienen und von grünem Rasen umgeben, da ist das luftige Wien der Vorkriegszeit und später C. G. Jungs Privatvilla und -klinik in Küsnacht. Man kann das gewissermaßen als deutlichen Hinweis darauf nehmen, dass es eine leere Redekonvention ist, die »Begierde« ins Dunkle, schlecht Sichtbare, Nächtliche zu befördern. Auch im Hellen, Klaren, Wohlgeordneten nämlich tut sie, wenn auch oft unausgesprochen, ihr Werk, die Begierde. Der englische Originaltitel A Dangerous Method liegt deshalb schon richtiger: Ein Verfahren, das sie in Worte fasst, kann durchaus gefährlich sein; eben auch bei Tageslicht.

Noch in anderer Hinsicht entspricht David Cronenbergs neues Werk nicht den Erwartungen: Statt sich den Stoff der Vorlage ganz untertan zu machen, ihn quasi zu »cronenbergisieren «, folgt er mit sichtlichem Respekt dem Drehbuch von Christopher Hampton, der hier sein auf dem Buch von John Kerr »A Most Dangerous Method« basierendes Stück »The Talking Cure« selbst adaptiert hat. Cronenberg inszeniert keinesfalls gegen das Theaterhafte an, sondern versucht vielmehr, dessen Tugenden zu nutzen – die Konzentration auf die drei Hauptpersonen, die Intensität dessen, was sich jeweils zwischen ihnen abspielt, die von Dialogen vorangetriebene Handlung. Trotz der erwähnten zahlreichen Außenaufnahmen bleibt der Film geprägt von den örtlichen Einschränkungen des Theaterstücks.

Im Zentrum des Films steht der aufstrebende Jung (Michael Fassbender), reich verheiratet und ein bequemes Leben führend in der Schweiz, zu dem eines Tages eine krampfende Sabina Spielrein (Keira Knightley) gebracht wird. Über deren erfolgreiche Behandlung durch eine »Redekur« erfolgt der Kontakt zum älteren Freud (Viggo Mortensen), dem Begründer der Psychoanalyse.

Viele werden die Grundkomponenten der historischen Dreiecksgeschichte kennen: Jung also heilt Spielrein, lernt dann Freud kennen, der in ihm freudig den Kronprinz erblickt, unter anderem auch deshalb, weil mit Jung endlich ein »Siegfried« in die bis dahin jüdisch dominierte Bewegung käme. Dann beginnt Jung eine Affäre mit Spielrein, was zumindest im Film wesentlich zum Zerwürfnis mit Freud beiträgt.

Zuerst aber sind gewissermaßen alle in alle verliebt. In einer schönen Sequenz zeigt der Film, dass es vor allem zwischen Jung und Freud Liebe auf den ersten Blick war: »Wir haben jetzt zwölf Stunden ununterbrochen miteinander geredet!«, sagt der eine zum anderen bei der ersten Begegnung in Wien. Wie bei wahren Liebenden sind die Gespräche zwischen ihnen erfüllt von gegenseitigen Erwartungen. Jung glüht förmlich vor Mitteilungsbedürfnis. Freud, als älterer Herr und Familienvater etwas skeptischer, blendet willentlich die Diskrepanzen aus.

Auch dafür findet der Film prägnante Szenen: Jung greift sich an der Familientafel im hause Freud unbekümmert gleich mehrere Stücke Fleisch, ohne daran zu denken, dass das Essen für die ganze Runde reichen muss. Ein Gegenschuss auf Freud zeigt, wie dieser die privilegierte soziale Stellung seines Gegenübers als Risikofaktor für die Beziehung abwägt.

Das »Theaterhafte« des Films lässt die Qualität der drei Hauptdarsteller hervortreten: Fassbender spielt seinen Jung eindringlich und introvertiert als den Ehrgeizigen, aber auch Verunsicherbaren, Zerrissenen, der sich auf unbekanntes Terrain wagt und eben mit seiner »Begierde« kämpft. Mortensen gibt subtil den Überlegenen, zweifellos Klügeren, der seine Grenzen kennt. Zwischen diesen interessanten Männern hat Knightley es schwer, zur Geltung zu kommen.

Überraschend konventionell wahrt Cronenberg dabei den Kostümfilmrahmen. Aufgeräumte Stuben, strenge Frisuren und tadellose Kleidung bestimmen das Bild – bis in die Sexszenen hinein, die auf geradezu anständige Weise zeigen, wie Jung und Spielrein sich in ersten sadomasochistischen Praktiken üben. Der wahre erotische Akt ist in diesem Film tatsächlich das Reden.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns