Kritik zu Dreileben

Filmclip © TIFF

Raum zum Schauen – Das Gemeinschaftsprojekt Dreileben von Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler (Berlinale-Forum 2011)

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Was ein harter Streit, wenn die Argumente nur klar und offen sind, nicht alles bewirken kann! Da wirft Dominik Graf, der Star des deutschen Genrefilms, in einem Mailwechsel den Kings der neuen Berliner Schule vor, ihre Filme seien akademistisch: voller »Misstrauen in Kommunikation«, voller »Künstlichkeit «, »Gewolltheit« und »hindrapierter Verlorenheit in den Menschenbildern«. Und Christoph Hochhäusler und Christian Petzold reagieren darauf, ohne sonderlich beleidigt zu sein, mit guten, wohlüberlegten Entgegnungen. Mehrfaches Hin und Her. Und am Ende steht der Entschluss, arbeitend sichtbar zu machen, worum es ihnen jeweils geht: ein bisschen gemeinsam, ansonsten aber doch jeder strikt für sich.

Das Ergebnis, da gibt es keine Zweifel nach der Premiere im Forum, wird das Fernsehereignis im kommenden Herbst. Und wer dies in den öffentlich-rechtlichen Sendern bezweifelt, indem er auf die Quoten verweist, der sollte sofort pensioniert werden, egal ob er 33 oder 55 ist.

In Dreileben geht es um ein gemeinsames Spiel und um drei Filme, drei Genres, drei Geschichten. Das Spiel findet an einem Schauplatz statt, in einem kleinen Ort im thüringischen Wald, und es räkelt sich um einen dramaturgischen supporting point: die Flucht eines verurteilten Frauenschänders aus einem Krankenhaus, als er dort seine verstorbene Mutter besuchen darf. Die Filme: 1. Christian Petzolds Etwas Besseres als den Tod. 2. Dominik Grafs Komm mir nicht nach. 3. Christoph Hochhäuslers Eine Minute dunkel. Die Genres: 1. Lovestory, 2. Psychodram, 3. Polizeithriller. Die Geschichten: 1. Eine zarte Beziehung zwischen einem Jungen und einem Mädchen, die für kurze Zeit enger und enger wird, ohne letztlich zu dauern. 2. Eine Wiederbegegnung zweier Freundinnen nach vielen Jahren, die zu großer Intensität führt, dann aber endet in Eifersucht, Missgunst und Streit. 3. Die obsessive Suche eines Polizisten nach dem Wahren hinter dem Offensichtlichen, nach dem wirklichen Täter hinter den ermittelten (und behaupteten) Tatsachen, obgleich dies niemanden interessiert.

Wunderbar in diesen drei Filmen ist die unterschwellige Konkurrenz zwischen den Regisseuren – und der offensichtliche Spaß, den sie daran haben, mit ihren faszinierenden Fähigkeiten zu jonglieren. Wunderbar ist der Wille zur eigenen Rede. Und wunderbar ist deshalb auch die Bereitschaft, die eigenen erzählerischen, also ästhetischen Strategien auf die Spitze zu treiben. Dazu ist schön, ja schön, welche Kraft die Bilder ausstrahlen: Wenig ist ausgemalt, vieles nur skizziert. Es bleibt Raum zum Schauen – und darüber zum Assoziieren, Denken, Fantasieren. Wichtig in Dreileben ist eben nicht die thematische Fülle, wichtig ist die formale Souveränität in Blick, Ordnung, Rhythmus. Petzold und Graf gehen dabei überaus listig vor. Sie belassen das gemeinsame Ausgangsgeschehen, die Flucht des Verurteilten, eher im Hintergrund, nutzen aber dessen atmosphärische Wirkung – und widmen sich ansonsten dem eigenen Stoff: Petzold, wie gewohnt, eher fragil und pointillistisch; Graf, wie gewohnt, eher dicht und enigmatisch. Petzold bleibt bei seinen Geistern, er bietet die Essenz der Dinge und Körper; sein Film minimalisiert, schwebt von Andeutung zu Andeutung. Graf dagegen entwickelt weitere Abenteuer des Irdischen, er bietet die konkrete Existenz der Dinge und Körper; er dramatisiert, findet immer neue Auswege aus dem Vorgegebenen, das emotional, kraftvoll, suggestiv gesprengt und unterhöhlt wird. Christian Petzold zeigt sich hier wieder als der Priester des deutschen Films; Dominik Graf als der Spieler und Weber: unser Hemingway.

Und Christoph Hochhäusler? Der malt dick und breit aus (vor allem das Drama um den Ausbrecher), was zuvor ja nur angedeutet blieb. Er füllt die Lücken, und das ist nie eine gute Lösung. Ich weiß, es ist nicht Aufgabe des Kritikers, zu klagen, dass nicht ist, was sein sollte, ich bekenne dennoch, es wäre aufregender gewesen, die Lücken offen zu lassen – und dafür noch intensiver von den Manien, Obsessionen, Verrücktheiten des Polizisten zu erzählen.

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