Kritik zu Drei Stunden

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2012
Original-Titel: 
Drei Stunden
Filmstart in Deutschland: 
25.07.2013
V: 
L: 
100 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Sie ist pragmatisch und will die Welt retten. Er ist verträumt und will die Seelen der Menschen berühren. Für ihre eigene Lovestory bleibt kaum Zeit im Münchner Liebesmärchen von Boris Kunz

Bewertung: 2
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Immer wieder musste ich beim Betrachten des Spielfilmdebüts von Boris Kunz daran denken, wie verdammt schwer es ist, im Kino eine gute Liebesgeschichte zu erzählen. Boris Kunz und seinen Mitstreitern nämlich ist dieses Unterfangen nicht gelungen. Vielleicht sind Kunz und Co., allesamt noch recht junge Filmemacher, einfach und heftig zwischen die Stühle gefallen: denn einerseits wirkt ihre Geschichte spontan, naiv und romantisch, andererseits ist überall die knirschende Mechanik der deutschen TV-/Filmdramaturgie zu spüren (der BR fungiert als Koproduzent).

Isabel und Martin lernen sich an der Münchner Freiheit kennen, dort wo sich beispielhaft so viele junge Paare des Jungen Deutschen Films kennengelernt haben. Isabel wird von Claudia Eisinger gespielt: als pragmatisch-freches Girl, das als Umweltaktivistin immer wieder die Welt retten muss. Martin wird von Nicholas Reinke verkörpert: als sensibler Autor, der Michael Ende verehrt und gerade ein fantastisch-träumerisches Theaterstück verfasst hat. Die Jeanne d’Arc des einwandfreien Staatsguts und der Poet der Luftschlösser beginnen eine lange, vorsichtige Freundschaft, obwohl sie sich heimlich lieben. Umweltaktivismus und Theaterleidenschaft wirken freilich oft wie Accessoires der Charaktere. Beiwerk für ein scheinbar ewig modernes, fantastisch-alternatives Pärchen. Natürlich kommentieren die beiden Liebenden die spießige Hochzeit von Isabels Schwester negativ, so konventionell würden sie ihre Liebe nie besiegeln.

Leider erzählt Boris Kunz selbst ziemlich konventionell und langweilig davon, wie die beiden endlich zueinanderfinden. Es ist ein Countdown der Liebe. Denn Isabel muss kurzfristig in Sachen Umweltschutz nach Mali reisen, für drei Jahre. Eine Verspätung des Abflugs gibt Martin und Isabel noch ein paar Stunden außergewöhnlicher Zeit, ihre Beziehung zu überdenken. Fiebrig suchen sie sich im sommerlichen München, unterstützt von Freunden, einem bunten Volk von Theaterleuten. Poet Martin hat noch einen ganz besonderen, imaginären Sidekick: Gott höchstpersönlich. Gespielt von »Heute–Show«–Star Dietrich Hollinderbäumer als weiß gekleideter Komödiant des Schicksals.

Dieses Suchen und Finden in München ist wenig aufregend inszeniert, die Stadt leuchtet nur halb, weil die Schauplätze zwischen Isar und Waldfriedhof nicht richtig eingesetzt werden. Und die Idee mit Gott ist nur poetisch-albern, Hollywoodfilmen nachempfunden.

Am Ende, beim Liebes-Showdown auf einer Isarbrücke, scheint Kunz etwas zu wagen: Der Film wird kitschig, theatralisch, ein Hauch von High Camp wird spürbar, als ein schwuler Theaterregisseur, der einmal Priester werden wollte, Martin und Isabel in einer Fake-Hochzeit traut. Aber der Camp, diese Kunstform, die in der Lüge die Wahrheit sagt, geht so gleich wieder verloren in einem Wust aus falscher Poesie.

Wie wünschte ich mir beim Sehen des Films den Witz eines Werner Enke und einer May Spils, den schmutzigen Charme eines Klaus Lemke oder die lyrische Erotik eines Julio Medem – selten war im Kino ein Paar, das sich an der Münchner Freiheit kennenlernt, so bieder-romantisch wie hier.

 

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