Kritik zu Drei

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Ein neues Design fürs Leben: Von Noël Coward und Ernst Lubitsch inspiriert, präsentiert Tom Tykwer nach seinen Ausflügen ins Thrillergenre eine leichtfüßige Berliner Sommer- und Geschlechterkomödie

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Zu Beginn sitzen Hanna und Simon im Kino. Mit schnellen Schnitten und Splitscreens feuert der Film einen Themencocktail auf sie ab, der von der Stammzellenforschung über Krebs und Sterbehilfe bis hin zur Afghanistanproblematik reicht. Die beiden sind überfordert, tuscheln ratlos miteinander und werden von einem jungen Zuschauer bitterböse angeblafft. Die beiden »Großeltern« sollen doch bitteschön zu Hause weiterquatschen. Aber auch privat haben die beiden Mittvierziger längst den Anschluss verloren. Dank angesagter Berufe in der Berliner Kulturszene ist das kinderlose Paar zwar ernsthafter materieller Sorgen enthoben. Doch nach 20 Jahren stagniert ihre Beziehung. Das ändert sich, als beide heimlich fremdgehen und sich verlieben – und zwar in denselben Mann.

In seinem neuen Film erzählt Tom Tykwer eine Dreiecksgeschichte. Nach internationalen Großproduktionen wie »Das Parfüm« und »The International« backt er diesmal kleinere Brötchen und entdeckt dabei das Queer-Thema. Anders als Fassbinder, bei dem bisexuelle Charaktere und deren Sichtweise Teil der Alltäglichkeit sind, nähert Tykwer sich dem Verschwimmen der sexuellen Identität 30 Jahre später in der Spur des Problemfilms: Simon hat zum ersten Mal Sex mit einem Mann. Hinterher trifft er sich mit ihm in der Kneipe, um ihn zu fragen, wie Schwule es denn so halten, er habe da noch keine Erfahrung. Tykwer zieht das Thema eher pädagogisch auf, das Innenleben seiner Figuren bekommt er dabei kaum in den Blick.

Das ist schade, denn das Darstellerensemble setzt einige Akzente. Das gilt nicht so sehr für Sebastian Schipper als Simon, dessen Figur trotz einiger witziger Momente blass bleibt. Sophie Rois in der Rolle der Hanna schaut man dagegen gerne zu. Man möchte mehr erfahren über die von ihr gespielte Österreicherin in Berlin, die, wie es im Presseheft heißt, Moderatorin einer »anspruchsvollen « Kultursendung ist. Wenn sie beim Seitensprung plötzlich nervös wird und wie ein kopfloses Huhn davonrennt, dann ist ihre Figur, wie weibliche Charaktere im deutschen Film so häufig, leider doch wieder zur Hysterie verdammt.

Zu überzeugen vermag Devid Striesow, gegenwärtig zweifellos einer der interessantesten deutschen Darsteller. Mit seiner erfrischend unprätentiösen Art und einer erstaunlich präzisen Gestik hat Striesow eine faszinierende Leinwandpräsenz. Als Stammzellenforscher Adam verkörpert er Hannas und Simons Objekt der Begierde. Dabei absolviert er einen Freizeitterminplan, den man im Kino so noch nicht gesehen hat. Wir erleben den von seiner Frau getrennt lebenden Vater eines pubertierenden Sohnes entweder beim Fußballspielen, Schwimmen oder Segeln. Er ist Judokämpfer, singt im Chor, schaut nebenbei noch im Labor vorbei und hat auch noch Zeit für die Oper. Das Fehlen der Möbel in seiner trendigen Hochhauswohnung ist ein plakatives Statement ebenso wie sein Badezimmer, das mit den freigelegten Rohren an eine Szenedisco erinnert.

Dank dieser Fixierung auf Äußerlichkeiten erscheinen die Entdeckung der Bisexualität und die Überwindung traditioneller Paarkonstellationen weniger als Entwicklungs- oder Reifeprozess, sondern eher als konsumierbares Zeitgeistphänomen. Die Protagonisten finden »ein neues Design fürs Leben« – aber nicht im Sinne Lubitschs, sondern als Produktdesign. Überlänge hat der Film nicht, weil er umfänglich erzählt, sondern viel aufzählt. Tykwer filmt, was irgendwie im Trend liegt, vom Stadionbesuch bei Union Berlin über die Currywurstbude bis hin zu Gunter von Hagens umstrittener Leichenausstellung und einer englischen Alternativ-WG. In dieser schönen bunten Welt, in der man »Moby Dick« auf dem eBook liest, erscheint das homoerotische Abenteuer als beziehungstechnisches Update.

Der gut gemeinte Versuch über die Auflösung traditioneller Geschlechterrollen und Paarbeziehungen ist aber nicht völlig misslungen. Wer Almodóvar nicht mag, mit Ozon sowieso nichts anfangen kann und von Genderdiskursen nur angenervt ist, wird sich in dieser visuell verspielten Romantic Comedy bestens amüsieren. Mit seiner bewährten Mischung aus Werbe- und Filmästhetik komponiert Tykwer eine spätmoderne Symphonie der Großstadt.

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