Kritik zu Djam

Trailer OmeU © MFA+ Filmdistribution

Tony Gatlif verbindet in seinem neuen Film Rembetiko-Musik mit Griechenlands Finanz- und ­Flüchtlingskrise

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Mit einem Lied, das von einer Liebe zu einer verheirateten Frau erzählt, aber von einem jungen Mädchen ­gesungen wird, beginnt dieser Film. Es ist ein altes Lied, aus einer Zeit, die rund hundert Jahre her ist. Anfang des 20. ­Jahrhunderts wurde der Rembetiko aus griechischen und türkischen Traditionen entwickelt und wird bis heute wegen seiner melancholischen Grundstimmung gern auch der griechische Blues genannt. Es ist eine kraftvolle Musik, eine Musik des inneren Widerstands, deren düstere ­Stimmung, der Klang von Not und Verzweiflung, sich bis in die Liebeslieder hinein fortschreibt.

Die Griechin Djam (Daphné Patakia) lebt für diese Musik, spielt ein archaisches Saiteninstrument, singt und tanzt dazu. In dieser Musik geht sie auf und vergisst die Sorgen des Alltags im gegenwärtigen Griechenland. Obwohl der Film keine Zeitsprünge aufweist, bezieht er die Kraft, klagend mit der umfassenden Krise zurechtzukommen, aus der Tradition des Rembetiko.

Die Handlung ist von Symbolen durchsetzt: Djam wird von ihrem Onkel nach Istanbul geschickt, um eine Antriebsstange für sein Boot schmieden zu lassen. Das Boot ist die griechische Wirtschaft, das fehlende Teil ein Element von vielen, die dem Volk zum Erfolg fehlen. In Istanbul trifft sie auf die Französin Avril (Maryne Cayon), die an der syrischen Grenze Flüchtlingshilfe leisten will. Doch schon auf dem Weg dahin wurden ihr Geld und Gepäck gestohlen. Es ist nicht so einfach, sich für Flüchtlinge einzusetzen, nicht mal ehrenamtlich. Sie hängt sich an Djam und reist mit ihr zurück nach Griechenland, nach Lesbos, auf die Insel, auf der Tausende von Flüchtlingen strandeten. Am Schluss wird sie durch eine Halde voller zurückgelas­sener Schwimmwesten laufen, das Elend vor Augen, aber ohne jedes Leben.

Der Film aber handelt vom Weg zurück, der ebenso beschwerlich ist wie der der Flüchtlinge. Denn schon bald haben die beiden kein Geld mehr, keine Pässe und tragen diese schwere Pleuelstange wie ein Menetekel. Dabei treffen sie auf einen Mann, der sich töten will, weil ihm Geschäft und Familie genommen wurde, aber erst, nachdem er sein eigenes Grab geschaufelt hat. Denn nur so kann er aufrecht beerdigt werden. Der letzte Rest an Würde in einem würdelosen Leben.

Regisseur Tony Gatlif wurde 1948 im damals zu Frankreich gehörenden Algerien geboren und betrachtet die griechische Situation als Außenstehender. Anders als Kostas Ferris, der in seinem emotionalisierten und mehrfach ausgezeichneten Film Rembetiko das Leben der Rembetiko-Sängerin Marika Ninou nacherzählt, benutzt Gatlif die Musik, um den Blick auf heutige Probleme zu lenken. Doch die Geschichte, die er erzählen will, bleibt brüchig, die Figuren fremd. Es ist das Künstlerische dieses Films, das die Emotionalität vertreibt. Gerade umgekehrt wie bei Ferris' »Rembetiko«, wo die rührende, fast kitschige Geschichte den Kunstcharakter überspielt. Beide aber erweisen dem Rembetiko einen großen Dienst. Diese Musik, die zwischen den Welten entstand, kann auch heute noch helfen, Grenzen zu überwinden.­

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