Kritik zu Diego Maradona

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Es gibt Biopics über den Ausnahmefußballer Diego Maradona, eins von Emir ­Kusturica etwa. Aber der Film von Asif Kapadia (»Amy«, »Senna«) ist etwas Besonderes: Aus der Vielfalt dokumentarischen Materials komponiert er eine »Fußballpassion«

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War Diego Armando Maradona tatsächlich der größte Fußballer aller Zeiten? Waren nicht Zinédine Zidane oder Pelé besser? Diese Fragen sind eigentlich zweitrangig. Entscheidend ist, dass Maradona wie kein anderer Kicker zum Mythos wurde. Will man diesen Mythos verstehen, dann muss man sich das WM-Viertelfinale 1986 anschauen, in dem der damals 25-Jährige mit Argentinien gegen England spielte. Das Match steht zwar nicht im Mittelpunkt dieses bemerkenswerten Dokumentarfilms. Der zwiespältige Auftritt des athletischen Balltänzers sowie der politische Kontext des Spiels werden von Asif Kapadia jedoch subtil hervorgehoben.

So erinnert sein Film daran, dass die Militärjunta die Bevölkerung wider Willen in jenen Krieg um die Falklandinseln gestürzt hatte, den das Land jämmerlich verlor. Maradonas daraufhin mit der »Hand Gottes« erzielte Tor gegen stets faire Engländer war nicht nur eine Rache für die militärische Niederlage. Den Slums von Buenos Aires, so deutet der Film an, entkommt auch ein Maradona nicht ohne Tricks. Aber: Das darauf folgende 2:1 Siegtor, bei dem er sechs Briten, die heute noch einen Brummkreisel im Kopf haben, schwindelig spielte, wurde nicht zufällig zum schönsten WM-Tor des 20. Jahrhunderts gewählt.

Die hier sichtbar werdende Spanne zwischen Genie und Wahnsinn lotet Kapadias mehr als zweistündige Fußballpassion mit bemerkenswerter Intensität aus. Der Film konzentriert sich auf die Phase zwischen 1984 und 1991. In dieser Zeit führte Maradona die Neapolitaner, bis dahin von den arroganten Norditalienern gnadenlos verspottet, zu ungeahnten sportlichen Erfolgen: wieder eine Underdog-Geschichte. Wie zugeschnitten auf den kleinwüchsigen Mann mit den Zauberfüßen.

Nach seinem Meisterwerk »Amy« über Amy Winehouse wertet der Brite Asif Kapadia in seinem Film über Maradona erneut eine unglaubliche Fülle von Archivmaterialien aus. Besonders beeindruckend: Momentaufnahmen aus dem italienischen Ligaalltag der frühen 80er Jahre. Bilder wie Horrorvideos. Sie führen vor Augen, wie Maradona in unmittelbarer Schiedsrichternähe reihenweise ungeahndete Ellenbogenchecks hinnehmen muss. Mörderisch anmutende Brutalitäten, die heue lebenslange Sperren nach sich ziehen würden.

Wie Amy Winehouse ist auch Maradona ein Ausnahmetalent, das zur Geisel der Droge wurde. Eine tragische Figur. Für den Koks, den die Camorra ihm verschafft, muss er entwürdigende Gefälligkeiten erbringen. Im Gegenzug halten Mafiosi die Hand über ihn – und zwar bis zu jenem denkwürdigen Moment, in dem Maradona beim Halbfinale der WM 1990 den Gastgeber Italien per Elfmeter aus dem Wettbewerb kickt. Das ging dann doch zu weit. Fortan galt der Erlöser als Nestbeschmutzer. Seine öffentliche Demontage im Kokain-Schauprozess 1991 wurde mit hämischer Freude zur Kenntnis genommen. Der Mann, dem bei seiner Ankunft ein voll besetztes Stadion frenetisch zujubelte, verließ nun lautlos und beschämt das Land. Von seiner einjährigen internationalen Sperre wird Maradona sich nie wieder erholen. Diesen Aufstieg und Fall so hautnah mitzuerleben – das ist großes dokumentarisches Kino.

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