Kritik zu Die Wunderübung

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2018
Original-Titel: 
Die Wunderübung
Filmstart in Deutschland: 
28.06.2018
V: 
L: 
92 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Nicht ohne- und nicht miteinander: Michael Kreihsl adaptiert mit Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz in den Hauptrollen das boulevardeske Ehekrisenstück von Daniel Glattauer

Bewertung: 3
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Früher verstanden beide sich blind, sogar unter Wasser. Valentin (Devid Striesow) erinnert sich noch genau daran, wie er seine Frau Joana (Aglaia Szyszkowitz) bei einem Badeurlaub kennenlernte. Gemeinsam haben sie damals den Tauchschein gemacht. Unbewusst rutscht Valentin jedoch das Wort »Trauschein« heraus. Ein liebenswürdiger Freudscher Versprecher, der die tief verschüttete Verbundenheit der beiden ausdrückt. Doch nun, zahlreiche Ehejahre später, ist diese sprachliche Sensibilität ins Gegenteil umgekippt: Jetzt machen beide sich nach allen Regeln der Kunst verbal fertig. Joana, spitzzüngig und aufbrausend, weiß immer schon, was er sagen wird. Also sagt Valentin gar nichts mehr – doch sein provozierendes Schweigen ist sehr beredt.

Die notorisch zerstrittenen Eheleute sind eine harte Nuss für den erfahrenen Paartherapeuten (Erwin Steinhauer). Wird es ihm gelingen, sie aus ihren Schneckenhäusern herauszulocken? Die Ausgangssituation birgt einiges an Potenzial. Aglaia Szyszkowitz als zickige Furie zeigt, dass sie mehr drauf hat, als sie in Degeto-Filmen zeigen konnte. Und Devid Striesow gibt den zynisch gewordenen Stoiker mit sehenswertem Understatement. Ihre verbalen Scharmützel haben es in sich. Trotzdem versandet der Film ziemlich bald. Was keineswegs daran liegt, dass dieses abgefilmte Theater zu statisch und zu wortlastig wäre. Psychologisch vertrackte Therapiesituationen im Film können reizvoll sein – man denke nur an »Reine Nervensache« mit Robert De Niro als depressivem Mafioso oder an Jean-Jacques Beineix' »Mortel Transfert«.

Im Gegensatz zu solchen Kabinettstücken krankt Michael Kreihsls Kammerspiel an der uninspirierten Vorlage. Wie in Daniel Glattauers gleichnamigem Bühnenstück scheint der Therapeut sich bei diesem heillos zerstrittenen Eheleuten zunächst die Zähne auszubeißen. Selbst die titelgebende Wunderübung scheitert. Valentin soll die geballte Faust seiner Frau, die ihr Herz symbolisiert, öffnen. Zwecklos. Die Eheleute sind in einem versteinerten Hass aneinander gekettet. Sie können weder mit- noch ohne einander. Als der Seelendoktor während der Sitzung eine SMS erhält und daraufhin nur noch mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint, rauft sich das zerstrittene Paar wider Willen zusammen. Braucht der Psychologe nicht selbst einen Psychologen?

Aufgrund dieser früh absehbaren Wendung ist in dem packend beginnenden Film schnell die Luft raus. »Die Wunderübung« beginnt mit nuanciert beobachteten Szenen einer Ehe, schlägt dann aber um in eine ­boulevardeske Karikatur einer zeitgenössischen Psychotherapie, bei der das romantische Gefühl wiederentdeckt wird. Der Psychokrieg, in dem die Eheleute zunächst keine Gefangenen machen, kippt um in eine betuliche Harmonie. Der Film will ein paradoxes Lob des Symptoms sein, doch dazu fehlt es an Witz, Tempo und Tiefe. Mit dem Remake seines gleichnamigen TV-Movies von 2015, in dem die Männerrollen von Bernhard Schir und Jürgen Tarrach verkörpert wurden, kommt Michael Kreihsl leider nicht über das Fernsehformat hinaus.

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