Kritik zu In die Welt

© Real Fiction Filmverleih

2008
Original-Titel: 
In die Welt
Filmstart in Deutschland: 
28.05.2009
L: 
88 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Constantin Wulff fängt in seinem Dokumentarfilm über eine Geburtsklinik auf ergreifende und erhellende Weise das Zusammenspiel von institutioneller Routine und existenziellen Momenten ein

Bewertung: 5
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Fast könnte man meinen, die bevölkerungspolitische Propaganda der letzten Jahre hätte jetzt auch die Dokumentaristen ergriffen: Gleich drei Dokumentarfilme zum Thema Geburt sind letztes Jahr in die Welt gekommen, erstaunlicherweise alle von Männern (in einem Fall mit weiblicher Ko-Regie) gemacht: Nach Douglas Wolfspergers »Der lange Weg ans Licht« und Constantin Wulffs »In die Welt« hat vor einigen Wochen auf den Visions du Réel in Nyon ein Film des Schweizer Dokumentarfilmers Erich Langjahr mit Ehefrau Silvia Haselbeck Premiere gehabt, der unter dem programmatischen Titel Geburt laut Selbstankündigung ein »elementares, körperliches und sinnliches Erlebnis« verspricht.

So platt wie oben anmoderiert begründet sich der Boom natürlich nicht: In Wirklichkeit schlägt im neuen männlichen Interesse für das »Frauenthema« wohl eher das gewandelte Männerbild durch, das auch die Väter unmittelbarer am Geburtserlebnis teilnehmen lässt. Zwei der Regisseure bekunden jedenfalls ausdrücklich, dass es die Erfahrung bei der Geburt ihrer eigenen Kinder war, die sie zu ihren Filmprojekten animierte. Doch während Wolfspergers Film im Nebeneinanderstellen von Klinik und Hausgeburt doch eher wie ein Werbefilm der Hebammenvereinigung daherkommt, wählt Constantin Wulff für »In die Welt« einen ganz anderen Ansatz, der den kreatürlichen Aspekt in soziale und institutionelle Bereiche erweitert. Er geht in die Anstalt, die Geburtsklinik.

Es ist die Ignaz-Semmelweis-Frauenklinik der Stadt Wien, in der auch Wulffs eigene Kinder geboren wurden, eine große, in alten Gemäuern modern organisierte Klinik, die nach den aktuellen Standards etablierter medizinischer Methoden arbeitet. Wulff und Kameramann Johannes Hammel begleiten in breit angelegten Bogen die verschiedenen Stationen und Abläufe, vom Aufnahmegespräch über die Ultraschalluntersuchung bis zu Organisationstreffen und Putztrupps. Aber auch Wartezimmer sind zu sehen. Und immer wieder die bürokratische Papierarbeit zur Patienten- und Medikamentenverwaltung, deren Bewältigung einen nicht geringen Teil der anfallenden Tätigkeiten ausmacht. Um sich im Falle möglicher juristischer Streitfälle besser abzusichern, wird gerade ein neues Dokumentationssystem installiert.

Es gelingt den Filmemachern beeindruckend, aus dem Mosaik einzelner Beobachtungen das Zusammenspiel von existenziellem Erleben der einzelnen Patienten und institutioneller Routine begreifbar zu machen. Der beobachtende Blick ist weder beschönigend noch anprangernd, es gibt keinen Kommentar und keine Musik. Der Film verweigert sich auch bewusst dem Trend, den Stoff mit längeren narrativen Bögen und künstlichen Dramatisierungen aufzumotzen. Das Schicksal des Frühgeborenen, das in der ersten Einstellung des Films um sein Leben ringt, werden wir nie erfahren. Und auch die anderen kurz vorbeiziehenden Menschenleben sind nur in Momentaufnahmen sichtbar. Das heißt aber keineswegs, dass Emotionen nicht vorkommen. Durch klug gesetzte Kameraperspektiven und Schnitte, Genauigkeit und Geduld gelingt es dem Filmteam, Spannung zu erzeugen, indem Beziehungen aufgezeigt werden.

Ein gutes Beispiel ist die – auch hier – zentrale Geburtsszene, bei der neben der Gebärenden, Hebamme und Ärztin im Hintergrund auch noch der bangende Begleiter zu sehen ist, der versucht, seiner Partnerin Mut zuzusprechen. Das funktioniert in der für die Zuschauer höchst aufwühlenden Szene nicht nur als entlastender »comic relief«, sondern zeigt auch, dass das Kinderkriegen in einem sozialen Raum stattfindet, in dem Personen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven agieren. Während Mutter und Vater noch fassungslos das blutige Neugeborene hätscheln, ist die Ärztin schon mit dem Unterschreiben der Papiere beschäftigt und fast aus der Tür. Eine besonders eindrückliche Szene, doch keineswegs die einzige, die im Gedächtnis bleibt.

»In die Welt« ist bestes »direct cinema« auch darin, wie der beobachtete begrenzte Mikrokosmos sich öffnet in die große Welt. Bei der Diagonale in Graz 2008, in Nyon und auf der Duisburger Filmwoche ist der Film dafür mit Hauptpreisen ausgezeichnet worden.

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