Kritik zu Die Wahlkämpferin

© Warner Bros.

Die spinnen, die Spin Doctors: David Gordon Green verwandelt den Stoff von Rachel Boyntons Dokumentarfilm über den Politbetrieb »Our Brand Is Crisis« (2005) zu einem satirischen Spielfilm mit einer großartigen Sandra Bullock in der Hauptrolle

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Dass sich Hollywood in seiner Angst vor neuen, unerprobten Ideen nicht mehr nur bei Comics oder alten Serien bedient, sondern sogar Dokumentarfilme sichtet, ist nichts Neues. Allein beim Filmfestival in Toronto fand sich unter den großen Premieren neben »Die Wahlkämpferin« mit Freeheld gleich noch ein weiterer Spielfilm mit dokumentarischen Wurzeln. Dass zur Fiktionalisierung allerdings auch gehört, dass die Hauptfigur mal eben ihr Geschlecht wechselt – so wie nun im neuen Film von David Gordon Green –, ist dann doch eher eine Seltenheit.

Im Falle von »Die Wahlkämpferin«, der auf der Doku »Our Brand is Crisis« von Rachel Boynton aus dem Jahre 2005 basiert, ist es nun nicht, wie ursprünglich vorgesehen, George Clooney, der die Hauptrolle spielt (als Produzent ist er noch mit an Bord), sondern Sandra Bullock. Eine reizvolle Neuerung, denn als Wahlkampfmanagerin Jane Bodin ist sie eine der interessantesten Frauenfiguren, die in jüngster Zeit einen Hollywoodfilm tragen durften. Eigentlich nach Misserfolgen und Skandalen in den Vorruhestand getreten und in der Provinz mit Töpfern beschäftigt, wird der einst strahlende Stern am Polithimmel von einer Beraterfirma re­krutiert, um in Bolivien den abgeschlagenen Kandidaten Castillo (Joaquim de Almeida als fiktionalisierte Version von Gonzalo Sánchez de Lozada) doch noch ins Präsidentenamt zu hieven. Und dass die Sache bald so stressig wird, dass Bodin prompt wieder mit dem Rauchen anfängt, liegt nicht nur daran, dass ausgerechnet ihr Erzrivale Pat Candy (Billy Bob Thornton) für die Konkurrenz arbeitet.

Die Absurdität, dass eine ganze Heerschar von US-Strategen in einem kleinen südamerikanischen Land einfällt, um dort mit den ihnen eigenen Methoden die Strippen im Politbetrieb zu ziehen, nutzt »Die Wahlkämpferin« (nach einem Drehbuch von Peter Straughan, »Männer, die auf Ziegen starren«) zunächst geschickt für einen satirischen, bisweilen beißend-bösen und sehr unterhaltsamen Blick auf moderne Politmechanismen. Die Nebendarsteller (darunter der zuletzt omnipräsente Anthony Mackie, Ann Dowd und Zoe Kazan) sind bestens aufgelegt, und vor allem Bullock – als komplizierte, mitunter anstrengende und nicht zwingend einnehmende Protagonistin – ist sehenswert.

Umso ärgerlicher deswegen, dass Green (dessen Vorgängerfilm »Manglehorn« bei uns gerade auf DVD Premiere feierte) sich zusehends in albernem Slapstick verliert und seinem Film schließlich ein bierernstes, vor Pathos triefendes Ende überstülpt, das mit der Entwicklung seiner Hauptfigur eigentlich kaum glaubhaft zu vereinbaren ist. Überhaupt vertut »Die Wahlkämpferin« letztlich die Chance, noch tiefer in die Abgründe seiner Protagonistin abzutauchen und ihre Motivation zwischen Ideologie, Macht und Geld weiter auszuloten, genauso wie die Gelegenheit, noch etwas intensivere, wütendere Einblicke in Wahlkampfabgründe und amerikanische Eingriffe in anderer Länder Demokratien zu vermitteln.

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