Kritik zu Die Verlegerin

© Universal Pictures

Steven Spielberg verfilmt im Jahr Eins der Trump-Präsidentschaft die Geschichte um die Veröffentlichung der »Pentagon Papers« 1971 in der »Washington Post«. Mit Meryl Streep als »Post«-Verlegerin Kay Graham liefert der Film ein leidenschaftliches Plädoyer für die Funktion einer freien Presse

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Katharine Graham hatte bis dahin nie arbeiten müssen in ihrem Leben. Die Tochter des Finanziers Eugene Meyer, der im Jahr 1933 die »Washington Post« kaufte, genoss vielmehr das Leben eines Sprößlings aus wohlhabendem Hause, ausgestattet mit Bildung und erstklassigen Manieren. Nach ihrer Heirat übernahm ihr Ehemann den Posten des Verlegers der renommierten Zeitung – und hatte diesen inne, bis er sich 1963 erschoss. Philip L. Graham war manisch-depressiv gewesen; fürderhin war von einem tragischen »Unfall« die Rede. Und Katharine Graham, Kay genannt, bis dato einzig Ehefrau sowie Mutter von vier Kindern, sah sich unversehens an der Spitze des Traditionsblatts – ausschließlich umgeben von Männern, die alles besser zu wissen meinten als sie.

In der entscheidenden Szene von Steven Spielbergs neuem Film »Die Verlegerin« (OT: The Post) sieht man Graham, noch im Festgewand, nach einer Party im Juni 1971 in ihrem Haus, um sie herum Berater, Mitglieder des Vorstands und Meinungsführer. Die Stimmung ist äußerst angespannt; eine essentielle Entscheidung ist zu treffen: Sollen brisante Dokumente zum Vietnamkrieg, die 1967 von Robert McNamara verantwortete »History of U.S. Decision-making in Vietnam, 1945-66« in der »Washington Post« gedruckt werden? Oder nicht? Doch es geht natürlich um mehr als diese geheimen Pentagon-Papiere – nämlich um die Frage, wie furchtlos und unabhängig die Presse als Wahrerin demokratischer Interessen agiert gegenüber einem Staat samt Präsidenten, der ihre Freiheit beschneiden will. Und das ist Katharine Graham sehr wohl klar in dieser Nacht, und so sagt sie im Sturm versuchter Einflussnahmen und trotz drohender Gefängnisstrafe wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen plötzlich leise, aber bestimmt »Let's do it! Wir drucken!«, obwohl die meisten dieser Männer um sie herum ihre Worte nicht ernst nehmen wollen, ja, sie für nicht ganz bei Sinnen halten.

Diese Szene ist groß in diesem groß und grundsätzlich angelegten Film. Groß ist sie, weil nichts auf eine vorhersagbar pädagogische Emanzipationsgeschichte abzielt, sondern weil Meryl Streep als Kay Graham vielmehr zur Gänze und mit einem Mal aus ihrer Figur herausbrechen lässt, was sich in dieser an uramerikanischen Werten akkumuliert hat im Verlauf ihres Lebens: Freiheitsliebe, Unabhängigkeitsstreben, Verantwortungs- und Traditionsbewusstsein sowie Risikobereitschaft auch im Willen, politisch zu handeln. Damals setzte Graham alles aufs Spiel: ihren Ruf, ihr Vermögen, das Wirkungsfeld. Im schlimmsten Fall drohte ihr das Gefängnis. Heute weiß man: Sie hat sich durchgesetzt. Ihr umfangreiches Memoirenwerk trägt den Titel »Wir drucken!« (Kindler Verlag, München 1999). Steven Spielberg hat auf dieses Buch, Dokumente und Gerichtsakten zurückgegriffen für seinen neuen Film, der erstmals diese drei Hollywoodlegenden in der Zusammenarbeit vereint: den Regisseur selbst, Meryl Streep in der Titelrolle und Tom Hanks als Chefredakteur Ben Bradlee. »Icons playing icons«, wie die »Washington Post« diesbezüglich schrieb.

Bei seiner »Verlegerin« konzentriert sich Steven Spielberg allerdings auf die in mehrfacher Hinsicht entscheidenden Tage in Grahams Leben: jene Sommerwoche im Jahr 1971, als sich in der Frau, die zu allen freundlich war und stets verhalten mit angenehmer Stimme sprach, die »eiserne Lady des US-Journalismus« offenbarte.

Doch zuvor gibt es eine Art Prolog zum Film: Der Militäranalyst Daniel Ellsberg (gespielt von »The Americans«-Darsteller Matthew Rhys!) bemächtigt sich Ende der 1960er Jahre in den Archiven der Rand Corporation heimlich der »Task Force Vietnam«-Akten. Schon in der nächsten Szene hält Graham ein Plädoyer für den Qualitätsjournalismus, wie man ihn sich heute oftmals wünscht: Sie will vornehmlich in erstklassige investigative Reporter investieren, während der Vorstand auf die zu geringe Profitabilität des Blattes verweist, sogenannte bunte Storys anregt und die Geldgeber nicht durch Eigensinn verschrecken will.

Natürlich ist »Die Verlegerin« im Blick auf die Vergangenheit auch ein Film über unsere Gegenwart: über heutige Medien in den Zeiten von Donald Trumps »Fake News« und des Totalgebots »nationaler Sicherheit«, aber auch über das Joch finanzieller Zwänge. Spielberg versteht seine Rolle hier offensichtlich als Anwalt des »First Amendment«, als Mahner an und Kämpfer für die Verfassungsrechte, die Meinungs- und Pressefreiheit. »Die Verlegerin« ist ein einziger großer Appell. Dabei geht es Spielberg weniger um Thrills, auch wenn es durchaus einige Spannungsmomente gibt.

Nun sind Filme über Journalisten im Besonderen und die Presse im Allgemeinen im Hollywoodkino stets grundsätzlicher Natur; man denke nur an »Die Unbestechlichen« oder – in jüngerer Zeit – »Good Night, and Good Luck.«, »Spotlight« und »State of Play«. Alle handeln sie letztlich vom Konflikt zwischen Presse und Politik und der Verantwortung der vierten Macht im Staat. »Die Verlegerin« irritiert indes durch die ungebrochene Entschiedenheit, mit der das Beispiel zwar auch konfliktreicher wird, aber doch gute alte Zeiten beschworen werden in schlechten neuen. Heutige Medienschaffende werden dem Zeitungsmachen damals in Spielbergs Variante mit Rührung folgen: Hochbrisante Dossiers bringt der Botenjunge hier im Laufschritt als Papierbündel vorbei, Schreibmaschinen klappern unaufhörlich und altertümliche Telefone klingeln. Zum konspirativen Gespräch mit seiner Quelle sucht sich der Reporter einen Münzapparat in der Stadt. Die Schauplätze dieses Films, der die geistige Freiheit und journalistische Unabhängigkeit feiert, sind örtlich beschränkt – holzgetäfelte Vorstands­etagen, teure Restaurants, Grahams und Bradlees Häuser, aber das Geschehen spielt sich natürlich vor allem in den Räumen der »Washington Post« ab – und denen der »New York Times« – man konkurrierte erbittert und versuchte durchaus, einander auszuspionieren.

Die »New York Times« hatte die Geschichte über die Pentagon-Papiere zuerst gebracht, woraufhin deren Erscheinen gerichtlich unterbunden wurde. In diesem Moment veröffentlichte die »Washington Post« die Enthüllungen, die sogleich landesweit von Regionalzeitungen aufgegriffen wurde. Im Film formt sich im Netz all der Entscheidungskorridore und Telefonleitungen indes das interessante Bild einer Gesellschaft im Umbruch. Anfangs ziehen sich die Frauen, darunter auch Graham, in einen anderen Raum zurück, um Stil- und Ehefragen zu besprechen, während die Männer im Zimmer gegenüber über Politik reden. Dass man sich mit einer Fotoreportage über Patricia Nixons Hochzeit nicht zum meinungsführenden Blatt aufschwingen wird, ist der ernüchternde Ausgangspunkt einer Dramaturgie, die den individuellen Sieg Kay Grahams über ihre damals geschlechtstypische Konditionierung und die lautstarken Männer in einem kollektiven Triumph münden lässt: Zeitung mache man für die Regierten, nicht für die Regierenden, sagt Graham irgendwann. Nach dem »Pentagon Papers«-Gerichtsurteil zugunsten der Presse defiliert sie an zahlreichen jungen Frauen vorbei.

Die Zusammenarbeit von Katharine Graham und Ben Bradlee umspannte insgesamt drei Jahrzehnte und die Regentschaft von vier US-Präsidenten. Im Jahr 2013 kaufte der Amazon-Gründer Jeff Bezos die Zeitung. Jener Ausblick auf den Watergate-Skandal, mit dem »Die Verlegerin« endet, lässt einen auf einen entsprechenden Spielberg-Film hoffen.

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Kommentare

Danke für Ihre immer differenzierten Fimkritìken, die einem viel Hintergrundwissen vermittel, ohne den roten Faden zu verlieren und immer in brilliant formulierten Sätzen voller treffender Adjektive dargestellt.

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