Kritik zu Spotlight

© Paramount Pictures

2015
Original-Titel: 
Spotlight
Filmstart in Deutschland: 
25.02.2016
Musik: 
L: 
128 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Tom McCarthys hochkarätig besetztes Drama erzählt, wie der »Boston Globe« die systematische Vertuschung ­sexueller Missbrauchsfälle durch katholische Priester ans Licht brachte

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 2)

Manche Filme beeindrucken nicht nur durch das, was sie sind, sondern auch durch das, was sie nicht sind. Tom McCarthys neuer Film »Spotlight« ist so ein Fall. Ein Drama über eine große journalistische Investigation, aber kein großspuriges Enthüllungsdrama; eine Reflexion über ethische Integrität, aber keine Moralpredigt; eine Erzählung über pervertierte Religionsloyalität und die ungute Macht der katholischen Kirche, aber kein Pamphlet gegen Glauben und Spiritualität.

Der Film rekonstruiert, wie das investigative »Spotlight«-Team der Tageszeitung »Boston Globe« im Jahr 2001 einem weitreichenden Skandal auf die Spur kommt: der systematischen Vertuschung von Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche. Die Opferfamilien wurden vom Bistum mit Schweigegeld abgefertigt, die insgesamt 87 Täter versetzt oder nach einer Krankschreibung wieder in Amt und Würden genommen. Besonders delikat wird der Fall, weil offenbar auch die Bostoner Justiz in die Vertuschungen involviert war. Und besonders heikel sind die Recherchen, weil der Einfluss der Bostoner Diözese bis in höchste Kreise reicht. Immer wieder zeigt der Film in beiläufigen, fein ausgespielten Szenen, dass Boston nominell zwar eine Metropole, aber in den gesellschaftlichen und klerikalen Verflechtungen noch immer ein Dorf ist. So muss auch Marty Baron (Liev Schreiber), der neu zugezogene Chefredakteur des ­»Globe«, dem Erzbischof seine Aufwartung machen, weil die lokale Tradition es gebietet. In einem cleveren Schachzug inszeniert McCarthy das wie einen Besuch beim örtlichen Paten. Wie überhaupt die katholische Kirche auf subtile Weise als eine alles durchdringende Macht porträtiert wird. Man kennt sich, man versteht sich, man schaut weg.

Entsprechend irritiert fällt denn auch die Reaktion des altgedienten »Spotlight«-Teams aus, als der neue Chefredakteur keine Scheu zeigt, sich mit dem mächtigen Bistum anzulegen. Liev Schreiber spielt diesen ­Marty Baron als stillen Profi mit einer an Stoizismus grenzenden Gelassenheit. Dahinter bleibt eine unnachgiebige Zielstrebigkeit spürbar. Schreibers großartige Verkörperung gehört zu jener Sorte von schauspielerischem Minimalismus, die leicht übersehen wird. Tatsächlich ist er als Nebendarsteller der heimliche Star des Films und sein ­Marty Baron eine Schlüsselfigur. Als unverheirateter Jude aus Florida bewahrt er im katholisch verfilzten Boston den kühlen Blick des Außenseiters, wenn seine einheimischen Kollegen reflexhaft in Deckung gehen wollen. »Wer von uns ist aus Boston und katholisch?«, fragen die Mitglieder des »Spotlight«-Teams sich zu Beginn selbst, um Klarheit über die Loyalitäten zu schaffen. Eine Stärke des Drehbuchs von Mc­Carthy und Josh Singer (»The West Wing«, »Inside Wiki­Leaks«) liegt gleichwohl darin, in der Kritik deutlich zwischen Kirche und Glauben, zwischen Institution und Spiritualität zu unterscheiden.

Mit der Konzentration nicht auf den Skandal nach dem Artikel, sondern auf die monatelangen Recherchen ist Spotlight nicht zuletzt eine Hommage an klassischen Qualitätsjournalismus. Wenn Michael Keaton, als Redakteur Walter »Robby« Robinson so gut wie lange nicht, zu Beginn erklärt, die Recherche zu einer »Spotlight«-Reportage könne ein Jahr dauern, mutet das aus heutiger Perspektive geradezu aberwitzig an. Wir sehen ihn und seine Crew beim mühseligen Klinkenputzen, auf der Suche nach Zeitzeugen, an Kopiergeräten und beim Durchforsten überquellender Aktenmappen – digital ist im Jahr 2001 noch gar nichts. Gerade durch diese Taktilität gewinnt der Film eine ganz eigene Sinnlichkeit und eine im besten Sinne altmodische, unmittelbare Dynamik.

Die Rechercheure selbst werden als journalistische Archetypen porträtiert, als Verkörperung essenzieller Berufseigenschaften. Mark Ruffalo steht für unnachgiebige Verbissenheit; Brian d'Arcy James für besonnene Professionalität; Rachel McAdams für die Fähigkeit, Menschen zuzuhören. Sie alle sind vom Drehbuch markant gezeichnet und von den Darstellern zugleich so fein ziseliert, dass sie zu lebendigen Charakteren werden. Gleiches gilt für den Rest des bemerkenswerten Ensembles, insbesondere aber für den gewohnt großartigen Stanley Tucci als kämpferischen Opferanwalt, der als Armenier im irisch-katholischen Boston eine ähnliche Außenseiterposition einnimmt wie Marty Baron.

Es zeugt vom Respekt vor den realen Opfern, dass McCarthy die Geschichte in jeder Hinsicht betont zurückgenommen inszeniert. Er verzichtet gänzlich auf emotionalisierende Effekte, es gibt keine dramatischen Konfrontationen und keine geraunten Bedrohungen. Vielmehr müssen die Reporter sich an einer Stelle selbst ein fatales Wegschauen eingestehen. Erinnert »Spotlight« thematisch an den Journalismusklassiker »Die Unbestechlichen«, liegt er mit seiner erzählerischen Nüchternheit und der visuellen Effizienz näher an Francis Ford Coppolas Investigationsdrama »Der Dialog«. Keine Szene verliert sich in Melodramatik, keine Einstellung verweist auf sich selbst. Kameramann Masanobu Takayanagi, der schon den Boston-Film »Black Mass« fotografiert hat, vermittelt quasi im Vorbeigehen ein Gefühl für die nachbarschaftlichen Viertel wie auch für die bürgerlichen Milieus der Stadt – und für das zunehmend darüberliegende Unbehagen. Die Bedeutung einzelner Schlüsselmomente unterstreicht er durch feinste Stilmittel. Am elegantesten in einer Szene, bei der die Journalisten von einem Anrufer schockierende Zahlen über priesterlichen Missbrauch erfahren: Je weiter die Täterkreise sich ziehen, desto weiter fährt die Kamera ganz langsam von der gebannt zuhörenden Gruppe zurück, als müsste sie ihnen Raum geben, um das unfassbare Ausmaß zu verarbeiten. Dieses Gefühl der Uferlosigkeit hält sich bis zum Schluss, als die Reportage schließlich erscheint. Trotz ihrer Unerschrockenheit werden Baron, Robinson und ihre Crew nicht zu Volkshelden stilisiert. McCarthys Haltung ist klar. Diese Journalisten haben etwas Bahnbrechendes erreicht, aber zum Triumphieren gibt es bei einer solchen Geschichte keinen Grund.

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