Kritik zu Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen

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Nadine Heinzes und Marc Dietschreits Film über Altersdemenz hebt sich von anderen seiner Art ab, weil er mit den Klischees kreativ und zugleich kritisch umgeht

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»Vielleicht hat es die Natur ganz gut eingerichtet«, sagt der demente Verleger Curt (Günther Maria Halmer) in einem lichten Moment, »dass die Eichhörnchen verhungern, wenn sie vergessen, wo sie ihre Vorräte vergraben haben.« Bei den Menschen, das muss er immer wieder sorgenvoll erkennen, ist das deutlich anders. Da schützt Vergessen nicht davor, mit merkwürdigen Dingen gefüttert zu werden.

In ihrem einfühlsamen Kinodebüt haben Nadine Heinze und Marc Dietschreit ein wunderbares Kammerspiel inszeniert, das Ernst und Komik derart radikal verbindet, dass man sich kaum noch fragt, was den beiden eigentlich wichtiger war. Curt hat zwei Kinder, die kontrollsüchtige alleinstehende Almut (Anna Stieblich) und den frustriert abwesenden Lebemann Philipp (Fabian Hinrichs), der in der Wut auf den ehemals erfolgssüchtigen, egoistischen Vater seine eigenen Wege geht. Sie suchen für den verwitweten Vater eine Pflegerin. Als Marija (Emilia Schüle), eine studierte Germanistin, aus der Ukraine anreist, löst das jedoch erst mal nur wenige Probleme. Almut ist kaum bereit, Verantwortung abzugeben, und Philipp fühlt sich auf ganz andere Weise zu der adretten Pflegerin hingezogen.

Marija gibt ihr Bestes, sehnt sich aber zwischen heimlichen Zigaretten am Fenster und den immer wieder scheiternden Skype-Anrufen nach ihrem fünfjährigen Sohn, den sie bei der Oma zurückgelassen hat. Und dann, nach einem handfesten Streit, bei dem Curt auf den Tisch schlug und seine Tochter zurechtwies, kommt Almut einfach nicht mehr wieder. Dass sie einen schweren Autounfall erlitt, erfährt Marija erst viel später. Da hat sie sich schon auf Curts entrückte Welt eingelassen und mit ihm eine Reise in die wohlhabenden 70er Jahre gemacht. Als Ehefrau Marianne genießt sie nun all die Aufmerksamkeit, die der arbeitsame Curt seiner wahren Frau nicht hatte zukommen lassen. Wären da nicht Philipps eifersüchtige Avancen, wäre die Pflege eine nahezu ideale. Doch der bringt irgendwann die versehrte Almut ins Haus, mit bösem Blick, stumm, an den Rollstuhl gefesselt, und meint, Marija könne doch beide zusammen pflegen.

Nadine Heinze und Marc Dietschreit haben verstanden, dass eine Kommunikation, will sie überhaupt zustande kommen, den Gesetzen des Dementen folgen muss. Almuts herrschender Ton mag für ein Alltagsgerüst geeignet sein, aber Marijas ruhige, zuhörende Art befreit Curt zumindest zeitweise aus dem engen Keller der Demenz. So braucht es gar nicht viel, um zu zeigen, welches Potenzial auch in geistig oft abwesenden Menschen noch steckt. Und dass dies nicht nur traurig ist, sondern viele auch unfreiwillig komische Momente in sich birgt. So fehlt die Geste des moralisierenden Lehrfilms hier völlig. Stattdessen greifen Nadine Heinze und Marc Dietschreit zum Mittel der farcehaften Übertreibung, um die Wirklichkeit in ihren Bann zu schlagen. Aus dem Sozialdrama wird bald ein romantisches Märchen, bald eine slapstickhafte Komödie, bald eine sprunghafte Liebesgeschichte. Aber eindeutig, das ist die große Leistung dieses Films, ist das nie.

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