Kritik zu Die Unbeugsamen

© Majestic Filmverleih

In diesem Dokumentarfilm werden deutsche Politikerinnen porträtiert, die in ihrem Kampf um politische Teilhabe stellvertretend für den gesellschaftlichen Wandel von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall stehen

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»Hätte man das nicht menschlich lösen können?«, fragt ein Fernsehjournalist vorwurfsvoll, als die Grünen mit dem »Busengrabscher« Klaus Hecker 1983 einen frisch gewählten Bundestagsabgeordneten schassten. Die interviewte Waltraud Schoppe jedoch lässt sich nicht irremachen. Archivaufnahmen wie diese, in der Männer allen Ernstes so taten, als ob das Frauenbetatschen ein Kavaliersdelikt sei, das sich im persönlichen Gespräch »lösen« ließe, zeigen, wie sehr sich die Gesellschaft gewandelt hat.

Das Spannendste an diesem Dokumentarfilm über den Aufstieg von Politikerinnen in der Bonner Republik sind die Erinnerungen an die Handgreiflichkeiten manches sonst so staatstragend auftretenden »Schwarzrocks«. Konnten die oft jungen Pionierinnen verbale Attacken kontern, so waren sie bei körperlichen Grenzüberschreitungen erst einmal verstört. Diese wurden gern als »witzig« kaschiert wie Richard Stücklens Versuch herauszufinden, ob eine Abgeordnete einen BH trug.

Regisseur Körner lässt, unkommentiert, ungefähr ein Dutzend namhafte Frauen – darunter Christa Nickels, Ursula Männle, Ingrid Matthäus-Maier, Rita Süssmuth –, die als Abgeordnete, Ministerinnen, Journalistinnen oder in sonstigen Funktionen im Politikbetrieb tätig waren, über ihre Erfahrungen berichten. Eingebettet in Archivfilme, in denen die mediale Perspektive auf die begafften Außenseiterinnen – denn das waren Politikerinnen damals – deutlich wird, formt sich ein zeitgeschichtliches Panorama, das rückwirkend einige Aha-Erlebnisse beschert. Die in Stichwortkapitel wie »NATO –Doppelbeschluss«, »Mad Men« und »Lovely Rita« gegliederte Chronik zeigt, wie aufregend es im biederen Bonn tatsächlich zuging. Emotionale Reden wie jene von Grande Dame Hildegard Hamm-Brücher anlässlich des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt oder die ultratrockene Äußerung von Waltraud Schoppe über Sex als »fahrlässige Penetration« – die dazu führte, dass sich männliche Abgeordnete in einen kreischenden Affenhaufen verwandelten –, stehen neben Insiderdetails über Revierkämpfe hinter den Kulissen.

Schade, dass in diesen Porträts starker Persönlichkeiten, die an Widerständen wuchsen, das Frausein der gemeinsame Nenner ist – und die völlig unterschiedlichen politischen Ziele meist außen vor bleiben. Wie irrig die Reduzierung auf das Geschlecht ist, zeigt das Kapitel »Petra und Hannelore«, in dem die Schicksale von Petra Kelly und Hannelore Kohl beleuchtet werden. Das ist so sinnvoll, als würde man Margaret Thatcher mit Claudia Roth vergleichen. Vermutlich unbeabsichtigt tritt nebenbei zutage, dass weibliche Solidarität zwar innerhalb der Parteien umwälzende Veränderungen anstieß, parteiübergreifend aber kaum existierte. Ausnahmen wie etwa private Glückwünsche politischer Gegnerinnen bestätigen die Regel. Das vergiftete Lob über Angela Merkel als »eine Könnerin«, die jede Konkurrenz »wegknipst«, lässt aufhorchen. Und so hinterlässt der Film das Gefühl, dass diese Politikerinnen noch viel mehr Interessantes zu sagen hätten.

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