Kritik zu Die Schneiderin der Träume

© Neue Visionen Filmverleih

2018
Original-Titel: 
Sir
Filmstart in Deutschland: 
20.12.2018
L: 
99 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Der indischen Drehbuchautorin Rohena Gera gelingt in ihrem Regiedebüt das fast Unmögliche: ehrlich von der Liebe zwischen zwei Menschen aus verschiedenen Kasten zu erzählen

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Ratna ist keine Schneiderin. Ratna ist eine junge Witwe vom Land, die nach Mumbai gekommen ist, um dort als Hausmädchen zu arbeiten. Und ihr Traum ist, Modedesignerin zu werden. Der Titel, den der deutsche Verleih dem Spielfilmdebüt von Rohena Gera verpasst hat, ist also ein wenig irreführend. Er eröffnet einen Assoziationsraum, der Fashion-Glamour, ­Erfolgsstory und eine erbauliche Fabel weiblicher Selbstermächtigung nahelegt, nicht jedoch das, was in diesem Film dann tatsächlich passiert. Weitaus besser trifft es wenig verwunderlich der Originaltitel, der schlicht »Sir« lautet und einen männlichen Adressaten ins Spiel bringt sowie ein Machtgefälle.

Mit dem respektvollen »Sir« spricht Ratna jenen jungen Mann an, in dessen Diensten sie steht, Ashwin. Ashwins Familie gehört der indischen Oberschicht an; der Vater ist Bauunternehmer, der Sohn wurde in New York ausgebildet, wo er sich unter anderem als Schriftsteller versucht und von wo er ein paar moderne Ideen hinsichtlich Lebensführung und Geschlechterverhältnis mitgebracht hat. Weswegen Ashwin zu Beginn des Films auch seine Hochzeit hat platzen lassen mit einer Frau, die er zwar schätzt, aber nicht liebt. Seine Zukünftige habe ­etwas ­Besseres verdient als lauwarme Zu­neigung, so seine Begründung. Auch ­Ashwin ist also des Träumens fähig, und als ihn ­Ratna ­eines Tages fragt, ob sie neben ihrer Arbeit im Haushalt das Schneiderhandwerk erlernen dürfe, lässt er sie nicht nur gewähren, er kauft ihr sogar eine Nähmaschine.

Ja, und dann kommt es eben, wie es kommen muss – aber im vorliegenden Fall nicht darf. Ratna und Ashwin verlieben sich in­einander. Ein totales Tabu und ein Riesenproblem und ein Ding der Unmöglichkeit. Hier aber überraschenderweise nicht Anlass für eine eskapistische Schmonzette à la Bollywood. Rohena Gera gelingt, was, wie der Gegenstand ihres Films, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist: ein ehrlicher Liebesfilm aus Indien. An dem vor allem die Perspektive überzeugt, aus der heraus sie die vielfach missbrauchte Emotion in den Blick nimmt.

Geduldig, aufmerksam und mit großer Sensibilität für Details entwickelt Gera die Zuneigung zwischen Ratna und Ashwin aus deren alltäglichem Umgang miteinander: Die von instinktivem Mitgefühl motivierten Versuche der Dienerin, den nach der geplatzten Hochzeit nachvollziehbar melancholischen Herrn zu trösten, lassen diese erst in seinem Gesichtsfeld sichtbar werden. Ein wenig erstaunt stellt er fest, dass da ein Gegenüber ist, mit einer eigenen Geschichte von Enttäuschungen, ein Gegenüber, das ihn verstehen und mit dem er reden könnte, so dies nur zugelassen wäre. Denn bei diesen meist kurzen Kontaktaufnahmen schwingt – ausgedrückt in den Körperhaltungen, Blicken und Gesten – immer mit, dass allein mit dem Gespräch bereits die Konventionen verletzt werden, die durch das rigide indische Kastensystem gesetzt sind. Und es ist die Macht der Kastenschranken, die solcherart immer deutlicher zutage tritt – als eine grausame Struktur, die Gewalt nicht nur den Armen und Machtlosen antut; denn schließlich ist auch Ashwin eingebunden in ein Netz aus familiären Verpflichtungen und gesellschaftlichen Erwartungen, das keine Rücksichten nimmt auf die Träume eines Individuums.

Diese allmähliche Verschiebung der gegenseitigen Wahrnehmung, in der zugleich das Verbotene und daher eigentlich Unmögliche einer solchen Wahrnehmungsverschiebung sichtbar wird, wird von Tillotama Shome und Vivek Gomber in den Rollen von Ratna und Ashwin nuanciert und empathisch zum Ausdruck gebracht. Im Schmerz der Figuren über die Zwangslage, in der sie sich schließlich wiederfinden, ­spiegelt sich Geras Kritik an einer in feuda­listischen Mustern verharrenden Gesellschaft – und der Ausweg, der sich den beiden am Ende vielleicht doch noch bieten mag, ist weniger ein Zugeständnis an die romantischen Sehnsüchte des Publikums als vielmehr die bittere Konsequenz aus dem gegenwärtigen Status quo.    

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