Kritik zu Die Kunst der Stille

© W-film

2021
Original-Titel: 
L'art du silence
Filmstart in Deutschland: 
05.05.2022
V: 
L: 
81 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Schweizer Filmemacher Maurizius Staerkle-Drux widmet sich in seiner Dokumentation einem der größten Pantomimen aller Zeiten, Marcel Marceau, und das aus einer durchaus persönlichen Motivation

Bewertung: 3
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Vielleicht hat sich Maurizius Staerkle Drux ein wenig viel vorgenommen. Er wollte das Leben des großen Pantomimen Marcel Marceau dokumentieren, seinem Vermächtnis nachspüren und dies mit der eigenen Geschichte verknüpfen. Sein eigener Vater ist gehörlos, ebenfalls ein Pantomime und bezeichnet Marceau als eines seiner großen Idole. 

»Die Kunst der Stille« heißt dieser erste abendfüllende Kinofilm des Schweizers. Damit wird er Marceaus (1923–2007) lebenslangem Anliegen durchaus gerecht. Denn im Nonverbalen teilte er sich mit, so nahm er die Welt wahr, trat mit ihr in eine intensive Verbindung. »Stille ist die innere Spannung der Seele, der Widerhall der Gedanken«, sagt Marceau einmal in der knapp eineinhalbstündigen Dokumentation, in der Staerkle Drux viele Wegbegleiter zu Wort kommen lässt: die beiden Töchter Camille und Aurelia, Marceaus dritte Frau Anne Sicco, seinen Enkel Louis Chevalier, sie alle arbeiten als darstellende Künstler. Marceaus Schüler Rob Mermin kommt ebenfalls zu Wort, der nach seiner Parkinson-Diagnose die Techniken der Pantomime und des Zirkus zum Training motorischer Fähigkeiten nutzt. Der Film gibt aber auch Marceaus Cousin ­Georges Loinger viel Raum, der 2018 mit über 100 Jahren gestorben ist und in der französischen Resistance aktiv war. Darin liegt ein Fokus von Staerkle Drux, und darauf zielt der unangenehm reißerische Untertitel »Marcel Marceaus Geheimnis« ab: Marceau, 1923 als Marcel Mangel in Straßburg geboren, war Jude, musste mit seinen Eltern untertauchen, der Vater wurde verraten, nach Auschwitz deportiert und dort getötet. Eine Erfahrung, die Marcel Marceaus Leben nicht nur beeinflusste, sondern sein Handeln, sein Denken, seine Arbeit prägte. Zusammen mit seinem Cousin Georges schmuggelte Marceau mehr als 300 jüdische Kinder in die Schweiz. Seine Liebe zur und sein Talent für die Pantomime halfen ihm dabei. Er brachte den Kindern bei zu schweigen, um bei den patrouillierenden deutschen Soldaten keinen Argwohn zu wecken. Es sind Geschichten wie diese, die dem Zuschauer den Menschen Marceau näherbringen, seine Leidenschaft für die Stille, die Gesten, die Mimik erklären.

So richtig nah kommt man dem Künstler mit Ringelhemd, verbeultem Zylinder und roter Blume jedoch nicht. »Mit Maske hat er mir immer Angst gemacht«, sagt Tochter Aurelia über ihren Vater, der oft monatelang im Ausland auf Tour war, mal mit, mal ohne Familie. Viele Jahre litten die beiden Schwestern darunter, stets nur die »Töchter von« zu sein. Die beiden ersten Frauen sowie seine beiden Söhne tauchen zu keinem Zeitpunkt in diesem Porträt auf. Es bleibt irgendwie unfertig, unrund, verfängt sich in zu vielen Seitensträngen.  

Am 5. Mai, dem Europäischen Aktionstag von Menschen mit Behinderungen, kommt »Die Kunst der Stille« in die Kinos, und das wiederum ist ein großes Verdienst des Schweizer Filmemachers. Wohl auch weil er selbst mit einem gehörlosen Vater aufgewachsen ist, ließ er den kompletten Film transkribieren, inklusive der Geräusche und Musik, und ermöglicht so seinem Film eine absolute Stille.

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