Kritik zu Die Kandidaten

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Sechs Nachwuchspolitiker im Wahlkampf: Michael Schwarz begleitet ­Protagonisten von CDU, SPD, FDP, Die Linke, Grüne und AfD im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 durch Rheinland-Pfalz

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Der Wahlkampf – das immer irgendwie entwürdigende Vorspiel zum heiligsten Ritual der Demokratie. Es ist die Zeit, in der man die Volksvertreter in spe um ihr selbst gewähltes Schicksal am wenigsten beneidet: direkter Kontakt mit zumeist wenig begeisterten Bürgern, öffentliches Verzehren lokaler Spezialitäten, Plakate hängen, Kugelschreiber verteilen. Filmisch gibt dieser Prozess dennoch einiges her: Zuletzt folgte die Netflix-Doku »Knock Down the House« mit hohem Unterhaltungsfaktor charismatischen jungen Politikern auf ihren Ochsentouren durch die Wahlbezirke; hierzulande ist Andreas Dresens Film »Herr Wichmann von der CDU« der herausragende Vertreter dieses Subgenres.

Mit seinem Projekt »Die Kandidaten« schwebte Regisseur Michael Schwarz vielleicht so etwas wie eine deutsche Version von »Knock Down the House« vor: Die Doku begleitet jeweils einen jungen Kandidaten (darunter nur eine Kandidatin) aller sechs großen Parteien bei ihrem Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017. Schwarz beschränkt sich dabei ausschließlich auf Rheinland-Pfalz, was Vor- und Nachteile hat: Einerseits ist es interessant, dass sich die sechs Jungpolitiker teils untereinander kennen und sich bei Podiumsdiskussionen und anderen Events begegnen; andererseits wirkt diese Eingrenzung auch ein wenig eintönig – eine deutschlandweite Auswahl von Wahlbezirken hätte manche Kontraste bestimmt noch besser herausarbeiten können.

So liefert der Film vor allem viele erwartbare Bilder: Die Grüne Misbah Khan verteilt Fahrradflickzeug als Werbegeschenk; Jan Metzler von der CDU besucht lokale Geschäfte und singt die Nationalhymne; der SPD-Politiker Thomas Hitschler grillt Würstchen mit dem Ortsverein; der FDP-Kandidat David Dietz nimmt an einem Benefizlauf teil; der gerade mal 19-jährige Max Keck (Die Linke) lauscht andächtig einer Rede von Sahra Wagenknecht; und der wegen Beihilfe zur schweren Körperverletzung verurteilte Ex-Hooligan Sebastian Münzenmaier von der AfD gibt auf der Straße den netten Mann, fordert wenig später dann aber aggressiv, »das Land von den Idioten zurückzuholen«.

Inhaltlich setzt sich der Film nur wenig mit den Kandidaten auseinander, vielleicht aus Scheu, parteiisch zu wirken, vielleicht um den Fokus auf die parteiübergreifenden Mechanismen des Wahlkampfs zu lenken. Dabei entstehen die interessantesten Momente aber gerade dann, wenn die Kandidaten ihre Standpunkte verteidigen müssen, etwa wenn Dietz einem aufgebrachtem Passanten die liberale Verkehrspolitik darlegt. Besonders die Entscheidung der Filmemacher, die AfD als neue Partei zwar mitaufzunehmen, ihre konkreten Positionen aber kaum zu erwähnen, geschweige denn zu hinterfragen, ist problematisch. Auch Persönliches bleibt gänzlich außen vor, so dass »Die Kandidaten« letztlich bei dem oberflächlichen Bild der Politiker bleibt, das diese selbst auf ihren Plattformen verbreiten. Abgesehen vom Plädoyer für Wahlbeteiligung bleibt von diesem handwerklich versierten, inhaltlich aber beliebigen Dokumentarfilm deshalb nicht viel übrig.

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