Kritik zu Die Erscheinung

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Hat sie oder hat sie nicht? In Xavier Giannolis Film soll ein versierter ­Kriegs­reporter ermitteln, was hinter der behaupteten Marienerscheinung einer jungen Frau steckt

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Wenn Jacques Mayano (Vincent Lindon) in einem syrischen Hotelzimmer mit einem Handtuch das blutverschmierte Objektiv seiner Kamera abwischt, dann wird spürbar, wie der Job des Kriegsreporters ihm zusetzt. Überraschend erhält der bekannte Journalist dann einen untypischen Auftrag. Für den Vatikan soll er überprüfen, ob eine 15-Jährige, die in ­einem südfranzösischen Provinzdorf eine aufsehenerregende Marienerscheinung ­hatte, die Wahrheit sagt. Dabei ist er nicht einmal gläubig.

Das vermeintliche Wunder soll sich in den Netzen rationaler Investigation verfangen. Diese Konstellation erinnert an den Mystery-Thriller »Der Exorzismus von Emily Rose«, der seinerzeit zu einem Überraschungserfolg avancierte, weil er mit den Mitteln des Courtroom-Dramas dem katholischen Thema dämonischer Besessenheit eine verstörende Glaubwürdigkeit verlieh. Es drängen sich aber auch die Bilder von Jessica Hausners meditativem Drama »Lourdes« auf, das in elegischer Weise spürbar macht, wie beladene Menschen an einem französischen Wallfahrtsort die Nähe zur Heiligen Maria suchen.

Diese religiös aufgeladene Stimmung, in der Mystik und Hoffnung auf Erlösung anklingen, fängt auch Xavier Giannoli in seinem neuen Film ein. Die Kamera schwebt über einer Menge von Pilgern aus aller Welt, die andächtig zu einer Marienstatue aufsehen. Selten wurde Kontemplation in Gesichtsausdrücken höchst unterschiedlicher Menschen so eindringlich festgehalten. Nach einem frechen Schnitt erscheint die Heilige Jungfrau dann als Miniatur in einer Schneekugel. Trotz dieses entlarvenden Blicks auf die Vermarktungsmechanismen religiöser Devotionalien bewahrt der Film sein Geheimnis. Das liegt zum einen an der italienischen Darstellerin Galatéa Bellugi, deren Ausdruck süßen Leidens an die Verzückung der Heiligen Teresa von Ávila erinnert. Getragen wird der Film ebenso von Vincent Lindon als grantelndem Journalisten mit zerknautschtem Gauloises-Gesicht.

Hat die junge Anna, die als Waisenkind von Adoptiveltern großgezogen und erst spät religiös wurde, nun tatsächlich die Heilige Jungfrau gesehen? Oder ist sie Komplizin einer abgeschmackten Manipulation? Dieses Thema, das zu Beginn mit einem beeindruckenden Gang durch die Archive des Vatikans präzise umrissen wird, umspielt der raffiniert eingefädelte Plot in Form eines Aphorismus: Ein Antiquar vermacht seinem Sohn den Laden nebst einem Umschlag mit der Aufschrift »Nicht öffnen«. Am Ende seines Lebens erbricht der neugierig Gewordene dann doch das Kuvert und findet einen weiteren Umschlag mit der Aufschrift »Nicht öffnen«. Ein ähnliches Verweisspiel, in dem ein gelüftetes Geheimnis auf das nächste hindeutet, erlebt auch der Journalist ­Mayano. Er klärt zwar den weltlichen Aspekt des Falles, macht dabei aber eine spirituelle Erfahrung, die diese bildgewaltige »Erscheinung« anmutig vermittelt. 137 Minuten dauert Xavier Giannolis Film. Keine davon möchte man missen.

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