Kritik zu Die Besucherin

© Filmlichter

2008
Original-Titel: 
Die Besucherin
Filmstart in Deutschland: 
14.05.2009
L: 
104 Min
FSK: 
12

Der Besuch einer fremden Wohnung wird zum Ausflug in ein fremdes Leben: Lola Randl beweist in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm ein besonderes Gespür für Atmosphäre und Entfremdung

Bewertung: 2
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»It's so August of you«, heißt es in den USA über einen, der immer noch sichtbar im Luxus lebt, wo doch die Welt seit der Lehman-Pleite im September 2008 Krise trägt. »So August« wirkt auch dieser Film, der zum großen Teil in einem großzügigen Haus mit Panorama-Wohnzimmerfenster spielt und vom Blues der Wohlhabenden erzählt: Agnes (Sylvana Krappatsch), eine erfolgreiche, kontrollierte und disziplinierte Wissenschaftlerin, fühlt sich zunehmend fremd in ihrem Leben, das wie ein Uhrwerk funktioniert. Ihre Familie empfindet sie als unnahbar, sie selbst fühlt sich zunehmend isoliert. Als sie von ihrer Schwester den Schlüssel für eine fremde Wohnung bekommt, zum Briefkastenleeren und Blumengießen, nutzt sie die Gelegenheit, eine Art Urlaub von ihrem Leben zu nehmen.

Man kennt das ja: die Neugierde, wenn man sich unbeobachtet in einer fremden Wohnung aufhält; den starken Reiz, den das andere Leben darstellt, das plötzlich so offen daliegt. Agnes taucht immer tiefer in die Geschichte des Ehepaares ein, das in der Wohnung gelebt hat, und als sie eines Tages dort einschläft, wacht sie an der Seite eines Unbekannten auf, der ohne Worte oder werbende Zärtlichkeiten mit ihr schläft. Es ist Bruno, der Hausherr, der sie fortan wie seine Frau behandelt.

Lola Randl beweist in ihrem Debütfilm viel Gespür für Atmosphäre. Die in Agnes' Familie zum Beispiel ist manchmal so unterkühlt und gespenstisch, dass sie an einen Horrorfilm erinnert. Agnes fühlt sich gefangen in ihrem Alltag – damit das auch jeder kapiert, damit jeder begreift, dass Agnes eine Verwandlung erlebt, ist, als etwas plumper Hinweis auf Kafka, mehrfach eine von Agnes' Tochter gebastelte Puppenstube aus Pappe mit einem Käfer darin zu sehen.

Dass sie ihre Isolation aufbrechen will, indem sie in eine andere Hülle schlüpft, Cocooning betreibt in einem fremden Kokon, ist eine schöne Idee. Schön auch, dass ihr neuer Mann, Bruno (André Jung), keineswegs blendend aussieht und außerdem deutlich älter ist als Walter (Samuel Finzi), mit dem Agnes eigentlich verheiratet ist. Bruno strahlt etwas Ungepflegtes aus. Weil Agnes den Anrufbeantworter in seiner Wohnung abgehört hat, weiß sie auch, warum: Brunos Frau ist gerade gestorben. So wie Agnes Bruno benutzt, um sich lebendig zu fühlen, so benutzt er sie auch.

Wie begegnet man jemandem, den man nicht kennt, mit dem man jedoch geschlafen hat? Wie bewegt man sich auf einer Party, wenn einen die anderen Gäste mit einer Toten verwechseln? Manche Situationen in diesem Film und vor allem das exzellente Spiel von Sylvana Krappatsch und André Jung sind wirklich sehenswert. Schade nur, dass Lola Randl gar nicht erst versucht, einen Blickwinkel einzunehmen, der über den Erfahrungshorizont ihrer Heldin hinausführt. Zu begrenzt wirkt deshalb ihr Film; und der Horror, der in beiden »Familien« ausbrechen könnte, wird von einer zunehmend banal-realistischen Erzählung schließlich vollkommen zurückgedrängt. Dabei lauert der Schrecken überall: Was wohl Agnes unheimlicher Nachbar angestellt hat, dass die Polizei das Grundstück so sorgfältig abriegelt?

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