Kritik zu Die Anfängerin

© Farbfilm Verleih

Alexandra Sell (»Durchfahrtsland«) erzählt von einer Frau, die mit Ende 50 Eislaufen und das Leben neu leben lernt

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Der Spitzname ist wenig schmeichelhaft: »Doktor Fürchterlich« wird Annebärbel insgeheim genannt. Diese Bezeichnung hat sie sich indes verdient: Hart und freudlos wirkt die 58-jährige Ärztin. Empathie mit den Patienten ist ihr fremd. Wie eine Eiskönigin weht die Berlinerin durch ihr Leben und ist ganz darauf ausgerichtet, bloß keine Beziehung einzugehen, die Gefühle erfordert. Alles in Annebärbels Dasein mutet irgendwie beige an: die betonfeste Fönfrisur, die zweifelsfrei geschmackvolle Kleidung, der Hund und selbst der Gesichtsausdruck. Ulrike Krumbiegel spielt diese Protagonistin in Alexandra Sells Film mit aller Hingabe an eine unsympathische Rolle, zu der eine Schauspielerin nur fähig ist. Quasi mit Lineal im Rücken, spitzer Nase und äußerst bestimmt marschiert sie durch die Szenerie.

Bis eines Tages alles anders ist: »In Zukunft bin ich nicht mehr da«, teilt ihr der Gatte kurz vor Weihnachten mit. Für die Ärztin ist die Trennung weniger ein Schock als eine dumme Niederlage in der Schlacht, für die sie das Leben hält. Mit leichter Hand bringt Alexandra Sell (»Durchfahrtsland«) in ihrer neuen Regiearbeit mehrere komplizierte Themen unter. Im Hintergrund steht dabei eine fatale Mutter-Tochter-Beziehung: Die erbarmungslose Irene (Annekathrin Bürger) hält mit Kritik an Annebärbels Fähigkeiten als Ärztin, Tochter und Ehefrau nicht hinterm Berg. Nichts, was Annebärbel tut, ist gut genug für Irene. Dass die Tochter, immerhin erfolgreiche Akademikerin, mit fast 60 die permanenten Demütigungen noch immer nicht von sich weisen kann, ist nur Indiz ihrer versteinerten Existenz. Die gerät erst ins Wanken, als sie beim Bereitschaftsdienst an der Eishalle ausgelassene Hobbyeisläufer beobachtet und kurz entschlossen einen Kindertraum wiederbelebt: selbst auf Schlittschuhen zu stehen.

Mit feinem Humor etabliert Sell die Eishalle als Brennglas von Gegensätzen: Alter und Jugend, erfüllte Sehnsüchte und vergebliche Träume. In »Die Anfängerin« befördert der Sport zwei Coming-of-Age-Geschichten: die späte einer älteren Frau, die innerlich vereist ist und beim Schlittschuhlaufen wieder Wärme in sich spürt. Und die eines mutterlosen Mädchens, das Jugendmeisterin werden soll, aber lieber Kind sein will. In Annebärbels mählich reifender Freundschaft zur kleinen Jolina (Maria Rogozina) wird nicht nur ihre schwierige Beziehung zu Irene gespiegelt, sondern auch subtil die Kinderlosigkeit der Ärztin verhandelt. Laufen, stolpern, fallen, gleiten, schweben – die Welt des Eiskunstlaufens wird zur Metapher für das Leben.

In seiner geradlinigen Narration und starken ostdeutschen Prägung richtet sich »Die Anfängerin« vornehmlich an ein Publikum, das nicht auf kinematografische Experimente aus ist, sondern einer Entwicklungsgeschichte folgen will, in der es sich zu Teilen wiedererkennt. Die DEFA-Legende Annekathrin Bürger ist als Annebärbels Mutter zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung in einer tragenden Rolle auf der großen Leinwand zu sehen. Erstmals wieder auf dem Eis und im Kino ist auch die Eiskunstlauflegende und Weltmeisterin Christine Stüber-Errath in einer Schlüsselrolle zu bewundern. Das Problem der Herkunft aus dem Osten wird in diesem Film auch mit Schlagern von Frank Schöbel affirmativ behandelt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Hab die Anfängerin gesehen und frag mich, was hat die Frau für ein Problem, dass sie es nicht mal schafft, zu den Patienten menschlich zu sein. Was gibt es für ein Problem, zwischen Mutter und Tochter, warum blafft sie selbst die Hobbyläufer an, da wo sie doch hin will. Schlechtes Buch und leider schlechte Regie, die die Schauspieler, alt aussehen lässt.

Ich habe diesen Film bereits zweimal im Kino gesehen und war jedesmal begeistert. Die Botschaft des Films, dass man nie zu alt ist, um seine Träume zu verwirklichen, kommt beim Zuschauer an. Ja, solche Menschen wie Annebärbel findet man doch reichlich in der Realität. In diesem Film wird sehr berührend und humorvoll die späte Abnabelung von der strengen Mutter dargestellt. Interessant ist aber auch, wie sich parallel die pubertierende Eiskunstläuferin Joline noch rechtzeitig für ihren eigenen Weg entscheidet, obwohl ihr Vater andere Träume für seine Tochter verfolgt. Nicht zuletzt durch die Freundschaft mit Annebärbel. Ich denke, es gibt viele Menschen, die fälschlicherweise die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen wollen, ohne dabei selbst glücklich zu werden. Das kann zu Frust und Emphatielosigkeit führen, wie in diesem Film sehr schön dargestellt wurde.

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