Kritik zu Der Vater meiner Kinder

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Mia Hansen-Løve erzählt in ihrem zweiten Spielfilm von Leben und Tod eines französischen Filmproduzenten, als dessen reales Vorbild der bedeutende Arthouse-Produzent Humbert Balsan erkennbar wird, der im Februar 2005 Selbstmord verübte

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Der Arbeitstag von Grégoire Canvel (Louis-Do de Lencquesaing) strengt einen schon beim Zusehen an. Ständig hat er das Handy am Ohr, um Probleme zu lösen und Produktionen zu retten, die kurz vor dem Aus stehen. Die Arbeiten in Skandinavien kommen nur schleppend voran, weil das Wetter nicht mitspielt und der hauptverantwortliche Mitarbeiter streikt, die Delegation aus Korea wird von Tag zu Tag größer und hat noch kein Hotel, der Bankvertreter deutet an, dass die Kreditspanne bis zum Äußersten ausgereizt ist. Und dann wird ihm auch noch wegen eines defekten Rücklichts der Führerschein abgenommen. Es läuft nicht gut für Canvel und sein Unternehmen, darüber können auch sein Charme und sein betont gelassener Umgang mit seiner Frau und seinen drei Töchtern nicht hinwegtäuschen. Kurze Zeit später schießt er sich eine Kugel durch den Kopf.

Canvels Unternehmen ist eine Filmproduktionsfirma, die, so wird in Mia Hansen-Løves zweitem Spielfilm schnell klar, auf die Werke schwieriger Regisseure spezialisiert ist. Hansen-Løve zeigt eine Seite der Kinobranche, die man im Kino zwar selten zu sehen kriegt, deren Probleme sich aber nicht allzu sehr von denen vieler anderer Unternehmen unterscheiden: Finanzielle Engpässe müssen überwunden, Investoren überzeugt, Gläubiger hingehalten und Produkte an den Mann gebracht werden.

Hansen-Løves Porträt eines idealistischen Mannes in einer kapitalistischen Welt, für den der französische Produzent Humbert Balsan als Vorbild diente, irritiert durch den Kontrast zwischen seiner biederen Machart und der von Canvel finanzierten »schwierigen Kunst«, von der im Film fortwährend gesprochen wird. Im Zentrum von Hansen-Løves Ästhetik steht das kunstgesinnte bürgerliche Subjekt, die handelnden Figuren finden sich immer ordentlich in der Mitte der Einstellung, brav sind die Gesprächsszenen in Schuss-Gegenschuss aufgelöst, die Schauspieler machen ihre Sache gut. Doch selbst auf den Mosaiken in einer Kirche, deren Schönheit zu sehen Canvel seinen Töchtern beibringen will, verharrt die Kamera nur eine Sekunde. Lange genug vielleicht, um das Kunstempfinden seiner Hauptfigur zu illustrieren, zu kurz, um selbst etwas Neues, Schönes sichtbar werden zu lassen.

Was bleibt, ist ein an der Oberfläche eher konventionelles Drama, das sich weniger für die angedeuteten ökonomischen und ästhetischen Belange eines spezifischen künstlerischen Milieus interessiert als für eine bürgerliche Fabel um Verlust, Neuanfang und Selbstfindung. Hansen-Løve gelingen dabei einige durchaus schöne Momente, etwa in den Szenen, die Canvel im Kreis seiner Familie zeigen, das zunehmende Eindringen der beruflichen Probleme in seine Privatsphäre. Vergisst man das Versprechen der vielen Plakate von ihm produzierter Filme, die in Canvels Büro hängen, und die Ahnung des außerordentlichen Werkes, das in Skandinavien unter der Regie eines »schwierigen« Regisseurs entsteht, dann reichen einem diese Momente vielleicht.

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