Kritik zu Der Trafikant

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Ein Kiosk, seine Betreiber und seine Kunden im Wien der späten 30er Jahre sind das Zentrum der Handlung von Nikolaus Leytners Verfilmung des gleichnamigen Romans von Robert Seethaler

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Auf Geheiß der Mutter verlässt der 17-jährige Franz (Simon Morzé) sein provinzielles Heimatdorf und begibt sich nach Wien, wo er bei Otto Trsnjek (Johannes Krisch) in die Lehre geht. Der Ex-Liebhaber der Mutter betreibt eine Trafik, ein in Österreich gebräuchlicher Begriff für einen Kiosk mit Tabak, Zeitungen und Schreibwaren. Unter dem Ladentisch gibt es auch Erotika. Der beschauliche Laden, in dem Informationen neben erlaubten und verbotenen Formen von Genüssen gehandelt werden, ist die Vorform eines Internet-Knotenpunktes. Deshalb gerät der aufrechte Kommunist Trsnjek, dem im Ersten Weltkrieg ein Bein weggeschossen wurde, in den Fokus der Nazis, die nach der Annektierung Österreichs ab 1938 Andersdenkende verfolgen.

Diese Schikanen nimmt Franz zunächst nur am Rande wahr. Mehr als die Braunhemden beschäftigt ihn die quirlige Böhmin Anezka (Emma Drogunova). Es kommt zu einer zärtlichen Annäherung. Trotzdem bleibt die junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen, die als Stripperin in einem politischen Kabarett arbeitet, ein großes Rätsel. Franz hat Liebeskummer – doch glücklicherweise gibt es einen Sachverständigen für solche Probleme. Der weltberühmte jüdische Professor Freud ist Stammkunde im Tabakladen. Er raucht nämlich so viele Zigarren, dass er, woran eine beiläufige Szene erinnert, eine hölzerne Oberkieferprothese trägt – eine Folge seiner Krebserkrankung.

Freud wurde im Kino schon häufig dargestellt. Montgomery Clift verkörperte ihn 1962 als stürmischen Entdecker des Unbewussten und Viggo Mortensen 2011 als reifen Analytiker in David Cronenbergs Spätwerk »Eine dunkle Begierde«. Bruno Ganz fügt den Freud-Porträts eine neue Facette hinzu. In »Der Trafikant« begegnen der greise Psychoanalytiker und der liebeskranke Jüngling einander auf Augenhöhe. Eine traurige Bekanntschaft mit bewegendem Abschied. Der verfolgte Jude ist nämlich auf dem Sprung ins Londoner Exil. Die Nazis lassen sich nicht weganalysieren. Nicht einmal von Freud.

Das politische Leitmotiv rückt Nikolaus Leytner in seiner Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Robert Seethaler erst allmählich ins Blickfeld. Die akribische Ausstattung und der visuelle Stil spielen dabei eine Schlüsselrolle. Neblige Bergpanoramen im Salzkammergut wirken surreal überhöht. Wälzt Franz sich nach einer Liebesnacht mit Anezka im zuckergussartigen Schnee, dann erscheint das nachgestellte Wien der 30er Jahre künstlich wie in einem amerikanischen Musical. Diese artifizielle Hyperrealität stellt die Perspektive des jungen Franz dar, der in Tagträumen lebt und dessen Liebeswirrnisse in düsteren Traumszenen aufblitzen. Doch selbst der »andere Schauplatz«, Freuds Bezeichnung für das Unbewusste, wird bald überschattet von dem sukzessiven Einbruch des braunen Terrors, gegen den Franz sich passiv zur Wehr setzt. So hisst er am Ende die einbeinige Hose des verschleppten und ermordeten Otto Trsnjek vor dem Nazi-Hauptquartier als Flagge. Ein kraftvolles Bild, das sich motivisch subtil durch den gesamten Film zieht und aus Freuds »Traumdeutung« stammen könnte.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der Titel belegt, dass sich das Österreichische vom Deutschen durchaus unterscheidet. So wie er daherkommt, versteht ihn hierzulande keiner. Man ist zunächst von den eindrucksvollen Bildern – am Anfang unter Wasser – beeindruckt. Das verstärkt noch Regisseur Leytner und sein Kameramann Dunzendorfer (ein Vielfilmer und Alleskönner seit den 80er Jahren) durch immer wieder eingestreute Traumsequenzen. Die sind äußerst brillant und aussagekräftig und wechseln sich ab mit Wunschvorstellungen des Hauptdarstellers Franz (Simon Morzé). Wenn er z.B. beim benachbarten Fleischer, einem Denunzianten, in der Wurstküche steht, kann er dem schon mal in Gedanken die Hand in den Fleischwolf schieben. In Wahrheit reicht es nur zu einer Ohrfeige. Wir sind in Wien kurz vor dem Anschluss Österreichs 1938.
Franz Huchel besteht jedes Mal auf der Anrede mit seinem Namen, wenn man ihn ‘Burschi‘ nennt. Auch die flatterhafte Anezka (Emma Drogunova) seine erste Liebe, begeht diesen Fehler, bevor sie sich mit einem Obersturmbandführer auf und davon macht.
Was weiterhin an diesem Film so sehenswert ist, ist nicht nur das ganze Ensemble, angeführt von Bruno Ganz als Sigmund Freund oder der Mutter von Franz Margarete (fast nicht zu erkennen Regina Fritsch), die als Alleinerziehende ihr eigenen Päckle tragen muss oder Onkel Otto (das markante Gesicht von Johannes Krisch als Opfer) u.a., sondern die Ausstattung ist liebevoll und detailliert. Sie bringt die Atmosphäre rüber.
Man kann den Plot sogar philosophisch-ideologisch sehen. Alle menschlichen Reaktionen auf die totalitären Zwangsmaßnahmen der Nazis kommen vor.
Suizid (Michal-Tatort-Fitz), Emigration (Freud), Kollaboration (Anezka) und letztlich Franz der mutig Widerstand leistet. Während viele ihr Mäntelchen nach dem Wind drehen, nutzt Franz die Hose von Onkel Otto als Fahne…
Das und der übrige Schluss machen den Trafikanten zu einem außerordentlich guten und wichtigen Film. Ein Lichtblick im dunklen Mainstream-Wald.

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