Kritik zu Der schmale Grat

Trailer englisch © 20th Century Fox

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Eine Einheit von US-Soldaten kämpft sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Hügel hinauf, der von japanischen Soldaten verteidigt wird. Zahllose Männer sind bereits gefallen, ein weiteres Vordringen scheint aussichtslos. Trotzdem ordnet der befehlshabende Colonel, der sich selbst an sicherer Stelle befindet, per Funk einen Frontalangriff an. Doch der Captain am anderen Ende der Leitung verweigert die Ausführung des Befehls, da er ihn für puren Selbstmord hält. Es kommt zu einer aufwühlenden Diskussion inmitten dieser ohnehin nervenzerrenden Situation. "There is only a thin red line between the sane and the mad", erläuterte James Jones den Titel seines autobiographisch gefärbten Kriegsromans, den Terrence Malick in seinem ersten Film seit zwanzig Jahren sehr frei interpretiert. Und in der beschriebenen Szene scheint diese Linie direkt in der Funkwelle zu verlaufen, die die beiden Männer verbindet und zugleich trennt. Tatsächlich sind "Wahnsinn" und "gesunder Verstand" in Malicks Film oft nur eine Frage der Perspektive, bisweilen scheinen sie direkt ineinander überzugehen, manchmal scheint es auch, als wäre ein gewisses Maß an Wahnsinn geradezu notwendig, um die Kriegshölle zu überstehen. Und vermutlich ist mit dieser verstörenden Einsicht ein wichtiger Aspekt des Krieges prägnant auf den Punkt gebracht.

Es gibt in »The Thin Red Line« zwar auch die klassischen Formen von Tapferkeit und Mut, nur fehlt den Taten das glorreiche Ziel, das ihnen erst einen Sinn verleiht, das Handeln sozusagen "belohnt", wie etwa in »Saving Private Ryan«. Schon die auf grobe Skizzenhaftigkeit reduzierte Geschichte suggeriert, daß hier Männer für ein unbestimmtes Ziel ihr Leben und ihren Verstand riskieren. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen Amerikas mit Japan während des Zweiten Weltkriegs erzählt »The Thin Red Line« von der "C-for-Charlie"-Einheit, die im pazifischen Gudalcanal einen von Japanern besetzten Hügel einnehmen soll. Nur welchen strategischen Sinn die Aktion hat, bleibt weitgehend im Dunkeln.

Doch bevor die Rekruten mit ihren Landebooten, deren bedrohliches Aussehen schon das kommende Unheil vorwegnimmt, den Strand erreichen, schafft der Film eine Atmosphäre des Friedens, der Stille und Zufriedensein, die alles Folgende um so schmerzvoller macht. Wir beobachten Private Witt (Jim Caviezel), einen Deserteur, der bei einem Eingeborenenstamm Unterschlupf gefunden hat. Mit dokumentarischem Gestus inszeniert Malick diese Menschen als Teil einer paradiesisch schönen Natur. Er zaubert eine Atmosphäre absoluter Harmonie auf die Leinwand, die einen vergessen macht, daß man eigentlich gekommen war, um einen "Kriegsfilm" zu sehen. Dann schiebt sich am Horizont plötzlich ein graues US-Schlachtschiff ins Bild; Witt wird festgenommen, kommt wieder in den Dienst und da wir, wie er, zuvor das Leben der Eingeborenen kennengelernt haben, begegnen wir dem Einbruch des Kriegsapparats mit ähnlicher Furcht wie er, sehen das weitere Geschehen gewissermaßen durch Witts traurige Augen.

Fassungslos steht er den Grausamkeiten gegenüber, zu denen seine Kameraden fähig sind, aber auch er selbst. Terrence Malick geht in dieser Hinsicht wesentlich ehrlicher mit dem Vorgehen der US-Armee um als die meisten amerikanischen Filmemacher, Steven Spielberg eingeschlossen; so zeigt er, wie die Soldaten toten Japanern die Zähne herausbrechen, als "Trophäen". Oder wie sie in einer Art Mordrausch auch Unbewaffnete niedermetzeln. Der "Realismus", dem Spielbergs Kampfszenen verpflichtet waren, weicht hier einer Atmosphäre, die eher einem bösen, nicht enden wollendem Traum gleicht. Bei Spielberg unterhielt man sich nach dem Film über die technische Brillanz der Szenen, bei Malick dagegen spricht man über das, was man miterlebt hat.

Aber nicht nur Witt wird mit Situationen konfrontiert, die ihn fast um den Verstand bringen und zu inneren Monologen über die (selbst-)zerstörerische Natur des Menschen treiben. Malick präsentiert ein ganzes Bataillon von Männern, in deren Köpfen man eindringt und hört, wie sie mit dem Erlebten umgehen, und speziell in diesen Gedankengängen wird die "rote Linie" mitunter unheimlich dünn. Da wäre zum Beispiel Sergeant Welsh (Sean Penn), der sich durch Zynismus emotional abschottet; Colonel Tall (Nick Nolte), der versucht, als Befehlshaber eine ehrenvolle Leistung zu erbringen, egal, wieviel Menschenleben es kostet; Captain Staros (Elias Koteas), der Skrupel hat, seine Untergebenen in einen sinnlosen Tod zu schicken; oder Private Bell (Ben Chaplin), der nur noch von Erinnerungen an seine zu Hause wartende Frau aufrecht gehalten wird. Diese inneren Monologe geben der Stimmung einerseits etwas sehr Unmittelbares, tragen also zum Verständnis der Situation bei, gleichzeitig bekommt der Film durch die Poesie der Worte eine abstrakte und überweltliche Atmosphäre - ein Eindruck, der durch die beeindruckende Kameraarbeit noch verstärkt wird. Und obwohl so viele Stimmen zu Wort kommen, gibt es immer wieder Szenen von trancehafter Ruhe und Langsamkeit.

Da der Film keine wirklich zentrale Figur hat und viele Charaktere über lange Zeiträume einfach verschwinden (was kein Manko darstellt), ist es um so erstaunlicher, welch starke Eindrücke fast alle Darsteller in ihren sporadischen Auftritten hinterlassen. Sean Penn etwa liefert eine bemerkenswert konzentrierte Darstellung. Nick Nolte war selten so intensiv wie hier, und Elias Koteas sowie Jim Caviezel, die "Seele" und "Herz" des Films sind, schaffen es, auch das des Zuschauers zu berühren. So eröffnen sich die einzelnen Facetten dessen, was Malick offenbar als ein großes Ganzes sieht: Die Menschheit bildet bei ihm eine geschlossene Einheit, der die Natur als ebenso große Gesamtheit gegenübersteht. Die bestechend umgesetzte "Antikriegs"-Thematik ist denn auch nur eine der verschiedenen inhaltlichen Ebenen, auf denen sich Malicks Film bewegt. Die unaufdringlichen Bezüge zu bildender Kunst, Lyrik, Philosophie und altertümlichen Naturmythen, gebunden zu einem Blick auf die Natur der Natur, machen ihn zu einer der außergewöhnlichsten Arbeiten des neueren amerikanischen Kinos. Malick lädt dazu ein, den angerissenen Fragen und Themen nachzuspüren: »The Thin Red Line« ist ein Film, den es Schritt für Schritt zu entschlüsseln gilt.

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