Kritik zu Der Medicus

© Universal Pictures

Die Erfindung der Medizin als großes Heldenabenteuer im Schmelztiegel der toleranten persischen Hochkultur des Mittelalters: Philipp Stölzl verfilmt den Bestseller von Noah Gordon als großes Märchenspektakel

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Noah Gordons opulente Mittelaltertrilogie »Der Medicus«, »Der Schamane«, »Die Erben des Medicus« surft durch Orient und Okzident, verschmilzt die Genres Reise-, Abenteuer- und Arztroman zum Super­- ­­­­sch­möker und serviert nebenbei leicht ver­dauliche Happen aus Religions- und Wissenschaftsgeschichte. Die Bestseller, vor allem der 1986 erschienene erste Band, fantasieren eine ­Geschichte der Medizin, in der die jüdisch-arabisch-persische Heilkunde des 11. Jahrhunderts idealtypisch mit »west­lich«-natur­­wis­senschaftlicher Medizin, Hygiene und Ep­i­de­miologie verschmilzt.

Laut einer Hitliste ist »Der Medicus« eins der zehn Lieblingsbücher der Deutschen – da verspricht die Verfilmung eine sichere Bank. Lange besetzte der Arztguru Dietrich Grönemeyer die Filmrechte, ohne die Produktion zustande zu bringen. Jetzt realisierte eine Koproduktion der Ufa Cinema/Bertelsmann und Teamworx/Constantin die Adaption. In englischer Sprache an Mittelalter-Sets in NRW, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Marokko gedreht, schuf Regisseur Philipp Stölzl mit prominentem Cast und hohem filmindustriellem Standard ein Multikulti-Epos.

Es geht um den Aufstieg eines primitiven angelsächsischen Knochenklempners zum hochgebildeten Wunderarzt: Das begabte Waisenkind Rob Cole (Tom Payne) lernt bei einem gutmütigen Jahrmarktbarbier (Stellan Skarsgård), wie man Zähne zieht und Tränke braut. Aber Cole will dem Innern des menschlichen Körpers auf die Spur kommen und vor allem die »Seitenkrankheit« kurieren, an der die Mutter starb.

Die jüdische Community in London macht Rob mit der Heilkunst des in Isfahan lehrenden Ibn Sina (Ben Kingsley) bekannt. Rob reist als blinder Passagier nach Ägypten, nimmt die jüdische Identität an – nur als Jude wird er an Ibn Sinas Universität akzeptiert – und erreicht nach einem Karawanenabenteuer sein Ziel. Er begegnet Rebecca (Emma Rigby), der Braut eines anderen, um die es sich zu kämpfen lohnt. (Ihr gönnt das Drehbuch als einziger Frauenfigur mehr als drei Sätze Dialog.)

Philipp Stölzl rafft die Stofffülle in atemlosen Parallelmontagen: So fordert der Ausbruch der Pest Ibn Sina und seine Schüler zur Erfindung »moderner« Seuchenbekämpfung heraus. Heimlich kreiert Cole die Pathologie, indem er wider das Tabu eine Leiche seziert. Den Schah (Olivier Martinez), einen wunderbar dekadent-melancholischen Krieger, rettet er durch die Diagnose der »Seitenkrankheit«, sprich eines entzündeten Blinddarms, an dem er seine bahnbrechende neue OP-Technik erprobt. Doch hinter dem Rücken des angeschlagenen Edeltyrannen hetzt ein muslimischer Hassprediger gegen gotteslästerliche Ausschweifungen. Ibn Sinas Toleranz, Coles Wissbegier und Rebeccas Unbotmäßigkeit werden bald als die Untaten von Ungläubigen gebrandmarkt. Die Situation eskaliert, als die Muslime sich mit dem auf Angriff lauernden Reiterheer der Seldschuken verbünden und innerhalb der Stadtmauern zum Mord aufrufen. So reproduziert »Der Medicus« mit märchenhafter Pracht zuletzt doch allzu oberflächlich die aktuellen Feindbilder und macht das Thema Toleranz zur kleinen Münze politisch-korrekter »West«-Perspektive.

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