Kritik zu Das Verschwinden der Eleanor Rigby

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2014
Original-Titel: 
The Disappearance of Eleanor Rigby: Them
Filmstart in Deutschland: 
27.11.2014
L: 
123 Min
FSK: 
6

Jessica Chastain  gehört zu den derzeit interessantesten Schauspielerinnen. Nach ihrem vielfach preisgekrönten Auftritt in Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty ist sie nun im Regiedebüt von Ned Benson zu sehen, an der Seite von James McAvoy, William Hurt und Isabelle Huppert

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Ja, Eleanor Rigby (Jessica Chastain) wurde nach dem gleichnamigen Beatles-Song benannt. Nach dem Mädchen, das »sein Gesicht in einem Gefäß trägt« – was für ein Name und was für eine Bürde! Tatsächlich gibt es im Film von Ned Benson jede Menge einsamer Menschen, ganz wie im Song, und auch eine melancholische Grundstimmung. Nur Beatles-Musik gibt es nicht, das wäre dann auch wirklich zu viel.

Der einsamste Mensch von allen ist wahrscheinlich Eleanor, die Jessica Chastain mit ihrer ätherischen Schönheit, dem blassen Teint und den Elfenaugen als Traumwandlerin spielt. Als wäre sie von einer Blase umgeben, bewegt sich Eleanor durchs hektische New York. Zu Beginn des Films hatte sie sich von der Brooklyn Bridge gestürzt. In einem anderen Film, einem Film von Christian Petzold zum Beispiel oder einem klassischen Noir, wäre Eleanor jetzt tot, eine Geisterfrau.

Aber auch Ned Benson weiß, dass sich seine Heldin in einem Zwischenreich bewegt. Eleanor hatte ihren Mann Conor (James McAvoy) verlassen, der sucht sie jetzt, läuft ihr hinterher durch die Straßen New Yorks und erreicht sie nicht. Erst als er von einem Auto angefahren und verletzt wird – dem Tod also selbst etwas näher rückt – kommen die beiden wieder ins Gespräch.

Es ist auch ein Todesfall, der das Paar auseinandergebracht hat. Die beiden haben ihr Baby verloren, die subtil eingeflochtenen, sich verdichtenden Hinweise auf die Tragödie rühren zuverlässig zu Tränen. Das Motiv des toten Kindes wurde in letzter Zeit aber so strapaziert, dass es mittlerweile kalkuliert wirkt. Der ultimative Schicksalsschlag ist für die Erzählung auch eigentlich unnötig: Benson will in seinem Regiedebüt die romantische Liebe auf die Probe stellen, dazu hätte es den Tod eines Kindes nicht gebraucht.

Wie die Liebe mit der Zeit erodiert, wie sie langsam zerbröselt, weil Pläne aufgegeben werden, eines Kindes wegen oder dem Partner zuliebe, meint man im Gesicht von Isabelle Huppert zu sehen, die Eleanors Mutter spielt. Sie ist Französin, war Geigerin, jetzt raucht sie Kette und schenkt sich immer wieder Rotwein nach. Diese Mutter wirkt so aristokratisch spröde und neurotisch verhärtet, wie es vielleicht nur Isabelle Huppert ausstrahlen kann. Dass die Rabenmutter zuallererst aber doch Mutter ist, merkt man schließlich. Das ist die Crux mit der Liebe: dass einem das eigene Leben nicht mehr ganz gehört. Die Rollen sind erstklassig besetzt, einschließlich der Nebenrollen. Eleanors Vater spielt William Hurt, der als weißer Mittelschichtsintellektueller und Psychologieprofessor Sätze sagen darf wie diesen: »Tragedy is a foreign country – you don’t know how to talk to the natives.« Und die Professorin, auf die Eleanor bei ihrer Posttragödiensinnsuche trifft, wird – knochentrocken komisch – von Viola Davis gespielt. James McAvoy schließlich verkörpert Eleanors Ehemann Conor als flanellhemdigen besten Freund und Herzens­partner mit dezentem Hipstertouch.

Die Poesie der romantischen Beziehung wird in den Rückblenden allerdings wie in Versalien inszeniert. Eleanors und Conors  Herumalbern im Auto, das Sich-Lieben in  der Wiese, zusammen Musik hören und Süßes naschen – das sind am Ende nur Abziehbilder junger Liebe, die mit wenig Persönlichem gefüllt werden. Was Eleanor und Conor wirklich verbindet, vermittelt sich kaum, nicht einmal die körperliche Anziehung wird spürbar, obwohl die Kamera immer wieder ganz gebannt den schönen Körper von Jessica Chastain anschaut.

Das Verschwinden der Eleanor Rigby ist eigentlich ein Doppelfilm. Ursprünglich gab es Him and Her, zwei einzelne, aber zusammengehörende Filme, die das Geschehen aus der Perspektive von Eleanor bzw. Conor schildern. Beim Filmfestival in Toronto feierten sie Premiere, in Cannes war dann schon die – aus Verleihersicht leichter einsetzbare? – Neufassung zu sehen. Ohne die Doppelfassung zu kennen, war das ursprüngliche Konzept wahrscheinlich das überzeugendere: Um die Einsamkeit von Eleanor und Conor spürbar zu machen, den leeren Raum, der sie umgibt.

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