Kritik zu Das Tagebuch der Anne Frank

© Universal Pictures

2016
Original-Titel: 
Das Tagebuch der Anne Frank
Filmstart in Deutschland: 
03.03.2016
Musik: 
L: 
128 Min
FSK: 
12

Hans Steinbichler (»Hierankl«, »Winterreise«) führt Regie bei der ersten deutschen Verfilmung des weltbekannten Tagebuchs, eines der bewegendsten Zeitzeugendokumente des Holocaust

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 2)

Anne Franks Tagebuch ist kein Klagegesang. Mit Witz und wachem Blick für Details schildert die begabte Schreiberin das tägliche Bangen und die vielen Beinahekatastrophen im erzwungenen Zusammenleben von acht verfolgten Juden, die sich im Hinterhaus einer Amsterdamer Kleinfabrik auf weniger als 60 Quadratmetern zwei Jahre und zwei Monate erfolgreich vor Nazischergen und Denunzianten verstecken konnten. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive wird der Irrsinn der Nazidiktatur konzentriert wie kaum sonst vor Augen geführt.

An filmischen Annäherungen mangelt es nicht. Audrey Hepburn sollte ursprünglich die Titelrolle in George Stevens' Adaption von 1959 verkörpern. Der Dokumentarfilm »Anne Frank – Zeitzeugen erinnern sich« gewann 1996 den Oscar. Und das Dokudrama »Meine Tochter Anne Frank«, im vergangenen Jahr von der ARD ausgestrahlt, reflektiert über die Gründe, warum diese junge Frau ihr später weltberühmt gewordenes Tagebuch überhaupt schrieb.

In seiner Neuverfilmung wählt Hans Steinbichler dagegen einen recht emotionalen Zugang. Gleich in der ersten Szene hält Anne eine glühende Ansprache direkt an den Kinozuschauer – der ihr tragisches Ende ja schon kennt. Dabei orientiert der sorgfältig ausgestattete Film sich eng an der Vorlage. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Adaptionen, die auf Originalzitate verzichten mussten, kann Fred Breinersdorfer sich mit seinem Drehbuch aufgrund der Rechtslage auf das Tagebuch stützen. Sein Destillat des 300-seitigen Werks führt die psychologisch aufgeladene Situation, die man sich kaum auszumalen vermag, stimmig vor Augen. Die gefängnisartige Enge, in der die pubertierende junge Frau gegen ihre Mutter rebelliert, ihren Vater anhimmelt und schließlich das Aufkeimen sexueller Empfindungen für einen Jungen erlebt – all das wird nicht reißerisch überzogen. Die zuweilen etwas altklugen, dann aber wieder überraschend empfindsamen Gedanken dieser Rebellin klingen aus dem Mund der jungen Lea van Acken durchaus glaubhaft. Auch an Ulrich Noethen und Martina Gedeck als Eltern gibt es nichts auszusetzen.

Rückblenden illustrieren fantasierte Fluchten in jene unbeschwerte Zeit, bevor die Familie untertauchen musste. Strahlend helle Bilder aus dem schweizerischen Sils Maria machen die klaustrophobische Enge des Verstecks aber vor allem für den Zuschauer erträglicher. Wer die tapferen Menschen, die so lange durchgehalten haben, schließlich denunzierte, lässt auch diese Verfilmung offen. Mit ihren Leidensgenossen, von denen nur der Vater überlebt, wird Anne in einen stockdunklen Lkw gesperrt. Panikartig schreit sie nach Licht. Dieses Schlussbild wäre unter die Haut gegangen. Wie angeklebt wirkt dagegen der Epilog, in dem Annes Mutter im KZ die Haare geschoren werden.

Breinersdorfers und Steinbichlers Annäherung an Anne Frank ist redlich, setzt aber kaum überraschende Akzente. Die gediegene Visualisierung erschließt keine neue Dimension. Wer nach dem Kinobesuch das Tagebuch selbst wieder aufschlägt, wird feststellen, wie schnell die Filmbilder dagegen verblassen.

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